20kg…?

Ein kurzes Update zu den Bemühungen, die erlaubten 20kg in transportfähige Taschen zu bekommen. Nach gefühlt zwei Dutzend Empfehlungen, was auf die Packliste gehört, habe ich jetzt fast alles beeinander.

Der Spagat zwischen fast 30 Grad (Tag) in der Chepangschule und minus 5 Grad (Nacht) im Himalaya, verlangt der Wäscheauswahl alles ab. Zwar wird in Kathmandu zwischen den Destinationen unterschieden und die Reisetasche entsprechend umgeräumt, aber alles muss zuerst mal nach Nepal.

Also dann…auf geht‘s zum Tüten zippen und Beutel vakuumieren!

 

 

 

Grashügel, Gratwanderung und Grenzen

Gestern sind wir zur Tour auf die Güntlespitze aufgebrochen. Allein. Tina und ich. Von Baad im Kleinwalsertal über 800 Höhenmeter in drei Stunden nach oben und dann wieder zurück. Auf einen „Grashügel“ mit knapp 2.100m, den Fe „ein bissle langweilig nennt“. Vielleicht also genau das richtige für uns.

Der indische Vorabend hängt uns etwas nach und so sind wir erst um 10 Uhr in Baad (1.215m), finden einen der letzten Parkplätze und marschieren los. Wir sind nach einer knappen Stunde an der mittleren Spitalalpe und haben die ersten 300 Höhenmeter hinter uns. Nach einer weiteren Stunde sind wir an der Derrenalpe vorbei und auf dem Derrenjoch auf 1.875m angelangt. Links geht es auf die Güntlespitze und rechts auf den Hochstarzel. Wir entscheiden uns noch eine halbe Stunde Richtung Güntlespitze aufzusteigen und dann zu rasten. Das Terrain ist schrecklich matschig, aber die Ausblicke sind schlicht grandios. Im Osten türmen sich Bärenkopf und Widderstein, im Norden der Hohe Ifen und rechts davon das Walmendinger Horn. Im Westen ist der Blick endlos bis zur Kanisfluh. Wer braucht da einen Gipfel? 

Dennoch steigen wir nach einer halben Stunde weiter auf. Meter um Meter auf einem ausgetretenen Pfad, unregelmäßig, matschig und steinig. Kurz vor dem Wechsel auf den finalen Grat meldet Tina, dass der Blick nach unten sie zur Umkehr zwinge. Ich überhole, kehre auf den Pfad Richtung Gipfel und halte 100m vor dem Gipfel inne. Es wird merklich weniger Berg und rechts und links geht es abwärts. Das letzte Stück ist eine Gratwanderung und obwohl den ganzen Morgen schon Leute nach oben sind, verlässt mich der Mut und ich drehe um. Da kommt mir ein Wanderer entgegen…mit Tina im Schlepptau! Sie hat sich überwunden und die Stelle vor der Kehre bezwungen. Sie steigen zu mir auf und der Wanderer rät uns, den Starzelgrat eher nicht zu versuchen, weil er Kletterpassagen enthielte, wo die Hände benötigt würden. Leichten Schrittes zieht er weiter und wir sehen ihm nach, wie er die letzten Meter mühelos meistert. 

Tina und ich sehen uns an. Wir genießen einen letzten Blick auf das Panorama und drehen um. Manchmal wird ein Grashügel zu einem Berg und eine Gratwanderung zur persönlichen Grenze. Und das Erkennen einer Grenze lässt sich ertragen, weil der Ausblick unterhalb des Gipfels auch beeindrucken kann. Wir wandern durch das matschige Derrental zurück und sind um 17 Uhr wieder am Auto.

Was bleibt? Ein schöner Tag in den Bergen als Vorbereitung auf die anstehende Nepalreise. Die Erkenntnis was machbar ist und was nicht und das beruhigende Gefühl, persönliche Grenzen akzeptieren zu können. Von allen Wanderern haben wir als einzige den leichten Rückweg gewählt, der gesamte Rest ist über Hochstarzel und Starzeljoch abgestiegen. Aber wir trafen in den letzten zwei Stunden keine Menschenseele, hatten Kuhglockengeläut, Bachgeplätscher und Murmeltierfiepen ganz für uns allein. #MECS2018

Körper und Geist…#MECS2018

Gemeinsam mit Tina, Irmi und Fe bin ich zu einer Wanderung ins Kleinwalsertal aufgebrochen, um mich körperlich und mental auf Nepal vorzubereiten. Schließlich sind es morgen nur noch sieben Wochen, bis der Flieger gen Kathmandu abhebt.

MahdtalFe suchte uns daher eine Tour aus, die in der Theorie bis auf den Hohen Ifen hätte gehen können. Ein markanter Plateauberg mit gut 2.300m Höhe, der in Nepal wohl nicht einmal die Bezeichnung Hügel verdienen würde. Ausgangspunkt war auf 1.100m, der höchste Punkt auf dem Weg zum Gottesacker die Gottesackerscharte auf 1.967m.

Durch das Mahdtal geht es ab 9.30 Uhr stetig bergauf, am 70m tiefen und über 10km langen Höllloch vorbei zur Mahdtalalpe. Die Gottesackerwände türmen sich imposant auf und es gibt nichts, was Schatten spendet. Am Windecksattel nach 3 Stunden dann die erste Rast im Schatten des Torkopfes. Nach 30 Minuten geht es weiter und beim Wandern über das Hochmoor kommt langsam die Gottesackerscharte ins Blickfeld. Dahinter liegt der Gottesacker und an dessen Ende der Hohe Ifen. Die letzten gut 100 Höhenmeter zehren an den Kräften, aber schließlich bin auch ich oben und der Blick über die Karstebene Gottesacker ist beeindruckend. HochmoorWährend Fe schon nach dem Weg über den Gottesacker sucht, setze ich mich und witzele mit den anderen, die dort ebenfalls verschnaufen. „Wieso kommt man in den Bergen leichter ins Gepräch?“, fragt eine Wanderin. „Weil die Zahl der Arschlöcher über 2.000m rapide abnimmt“, antwortet ein Mann. Geistvoller hätte ich es nicht ausdrücken können.

Was folgt ist eine Wanderkletterei über die Karstfelsen des Gottesackers, die die beste Ehefrau der Welt schlicht „unkommod“ nennt. Rechts liegt Deutschland, links Österreich. Nach einer Stunde Grenzwanderung stehen wir an der verfallenen Gottesackeralpe. Es ist kurz nach 14 Uhr. In gut zwei Stunden fährt die letzte Ifenbahn nach unten und das Gipfelkreuz des Hohen Ifen leuchtet in der Sonne… bleibt aber heute unberührt. Wir entscheiden uns für den Abstieg durch das Kurental. Eine Stunde Geröllschlucht und etwas mehr noch durch den Wald bis wir gegen 16.30 Uhr joggend den Bus noch schaffen, der uns etwas näher an den Ausgangspunkt bringt, den wir schließlich um 17.15 Uhr erreichen.

Gottesacker_Hoher IfenDie Hüttenwirtin kredenzt Bier und Radler, die nach knapp acht Stunden in den Bergen, 900 Höhenmetern hoch und wieder runter und rund 13km Strecke in gefühlt 40 Sekunden „verdampfen“. Körper und Geist machen mit, auch wenn beim Abstieg der Spaßfaktor zu kurz kam. Die vorhandene Ausrüstung erledigte die Wanderung zuverlässig, das ermutigt für Nepal. Länger als acht Stunden wird in Nepal nicht gewandert und wie sich gut drei Stunden bergauf anfühlen, die wir nach Namche Bazaar auch benötigen, weiß ich jetzt (natürlich ohne den Höheneffekt im Himalaya, klar). Ich habe im Kleinwalsertal eindrucksvoll bewiesen wie man langsam wandert. Ideale Voraussetzungen also, um mich auf den Etappen im Khumbu wandernd zu akklimatisieren.

HerzAm Geist muss ich noch arbeiten. Ich freue mich zwar auf das stetige Wandern ohne an etwas denken zu müssen, aber dennoch muss der Geist so wachsam und achtsam bleiben, dass ich besondere Bilder oder Momente auch wahrnehme und einfange. Das letzte Bild habe ich in der Kurenschlucht nicht wahrgenommen (aber sicher nur, weil die beste Ehefrau der Welt mich elegant daran vorbeigelotst hat). Sie hat es aber für mich aufgenommen und hat es mir geschickt! Ich revanchiere mich in Nepal…#MECS2018

Ramro sanga khaanus – oder Currywurst in der Kantine

Sie: „Ah, Du gehst nach Nepal? Cool. Ralf war auch in Nepal“. Ich: „Welcher Ralf?“ Sie: „Ralf aus der IT. Ein Sabbatical hat er gemacht, ein Dorf mit Computern unterstützt oder so ähnlich“.

Ich kenne keinen Ralf aus der IT und das firmeninterne Telefonverzeichnis spuckt mehr als einen Ralf aus. Ich schreibe ein kleines Post-it und lege es auf die Seite. Ein paar Tage später bringt das Intranet seine Geschichte als Blogbeitrag. Die Firma hilft seit 200 Jahren, er hilft seit ein paar Jahren in Nepal und mir ist damit auch geholfen. Da ist Ralf. Ich kenne ihn nicht, habe ihn nie gesehen, aber ein paar Wochen später kommt er mir auf dem Flur entgegen. Ich erzähle ihm von unserer Reise und er drückt mir ein Exemplar des aktuellen Magazins GoForMore in die Hand, für welches er einen Artikel über sein Sabbatjahr geschrieben hat. Wir verabreden uns für eine gemeinsame Pause in der Kantine.

An diesem Tag gibt es keinen Reis, sondern Currywurst mit Pommes. Ich frage Ralf nach seinen Gründen für Nepal und er spannt einen Bogen von Sierra Leone, Klosteraufenthalt, einer Wohltätigkeits-organisation in Österreich hin zu „seinem“ Dorf in der Ghorka-Region, wo er eine Schule mit ausgemusterten Rechnern versorgt und Lehrern und Schülern den Umgang mit Computern zeigt. „Alte Gewohnheiten über Bord werfen“ und „neue Erfahrungen mit Religion und Spiritualität machen, die nicht christlich geprägt sind“ waren seine Beweggründe. Ja, das ist gut nachvollziehbar. „Natürlich ist die Natur einzigartig“ und auch er war schon im Annapurnagebiet und in der Khumburegion trekken. Definitiv eine schöne, imposante Kulisse hätten wir uns da für unseren Trek rausgesucht, „obwohl mir das Annapurnagebiet fast noch besser gefallen hat“.

Ich lenke unser Gespräch auf profane Dinge wie Wasser und Magen-Darm. Er schüttelt den Kopf, alles kein Problem. Er halte sich in Nepal meist an das Dal Bhat, das traditionelle Reisgericht mit Currygemüse. Eine bessere Energiequelle gäbe es nicht und geschmacklich sei es immer lecker, „auch wenn ich es gern etwas schärfer hätte“. Aber er hätte auch schon fritiertes Gemüse bei einem Straßenhändler gekauft und gegessen. Und sonnengetrocknetes Ziegenfleisch. Geht alles. Wasser in Flaschen oder abgekocht mit Chlortabletten ist okay, „aber am liebsten ist mir Tee“. Das alles klingt vernünftig. Und an das Loch im Boden werden wir uns schon gewöhnen.

Kathmandu sei chaotisch, Motorradfahrer fahren durch die dichtesten Menschenmengen und „wer vor einem fahrenden Auto zurückschreckt, kommt nie über die Straße“. Tipps für die Stadt? „Bodnath, Pashupatinath, Bhaktapur, Swayambunath und natürlich muss man auch einen Tag oder Abend in Thamel verbringen“. Das entspricht ungefähr den Favoriten der Reiseführer, gut so.

Ich frage nach seinem Verein Menschen im Dialog e.V.. „Den habe ich gegründet, um interessierten Spendern und Unterstützern eine gemeinsame Basis zu geben und die Chance zu haben, Spendenbescheinigungen auszustellen. Um die 20 Mitglieder hat der Verein heute“. Er erwähnt sein Buch, das er im April 2018 veröffentlicht hat und gibt es mir im Büro zur Ansicht mit. Es ist voller toller Fotos und Geschichten, die er in Nepal zusammengetragen hat. „Jeder Autor aus Nepal wird im Herbst sein Exemplar bekommen“ und ob ich mir vorstellen könne, eine Laptoptasche samt Buch mit nach Nepal zu nehmen? „Dann spare ich mir den Trip nach Österreich, um den Laptop einem Freund dort mitzugeben“. Abholung wäre am Tag unserer Ankunft im Hotel. „Ich schicke Bhagwan“. Hat er das wirklich gesagt? Ich sage zu. „Könnte Klaus vielleicht auch…?“

Zum Schluss frage ich, ob es noch Dinge gäbe, die nicht zwangsläufig im Reiseführer stehen und bei denen man vielleicht noch etwas Gutes tun könnte. „Wenn ihr Pashminas für Eure Frauen mitbringen wollt, dann schaut nach women empowerment merchandise. Sie sind zwar etwas teurer, aber dafür unterstützt ihr die u.a. Ausbildung von Frauen“. „Und schaut nach Eurem Trek bei den „Seeing hands“ vorbei!“. Für ca. 25 Euro massieren schwerst sehbehinderte oder gar blinde, ausgebildete TherapeutInnen die Anstrengungen des Trekkings aus den Knochen. „Ziemlich schmerzhaft“, aber danach fühlst Du Dich wie neugeboren. Noch knapp drei Monate bis Abflug…

Ein besonderer Gruß aus Nepal

Den ersten Teil unserer Nepalreise verbringen wir in der Navodayaschule in Tarkarichowk, Chitwan. In unregelmäßigen Abständen haben wir schon heute Kontakt zu Bruder Michael Chirayath CST, dem Leiter der Schule. Meist geht es nur um einen kurzen Gruß oder die Beantwortung einer Frage, aber heute kam diese E-Mail, die ich in Teilen hier veröffentlichen möchte. Bruder Michael hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, diesen Blog online zu übersetzen und dann zu lesen. Hier ist seine Antwort, die uns bestätigt, dass die geplante Horizonterweiterung eben nicht nur im Himalaya stattfindet, sondern auch beim Besuch der Chepangschule. Ich freue mich gleichermaßen darauf.

Dear Michael,

Thank you very much for your quick reply and the link of Gaby & Klaus‘ (and of yours too?) blog. I opened the blog, and fortunately there was option to English translation. I went through it and it is truly interesting, and it manifests your mental preparations to visit Nepal. You have taken it seriously. This is great. (…)

One thing interesting I noticed in your blog. You wrote, „we are literally capable of thinking beyond the church tower.“ This is a great reflection of your mind’s exposure to truth and freedom. Truth cannot be restricted to the four walls of the church, and certainly we should be able to think „beyond the church tower“, to grasp the truth beyond. (John 4:21-23). I am sure, your exposure to another country and other religious practices (other than Christianity) will expose your mind to greater truth, and help you to see brighter horizons.
You also wrote, „I am fortunate to be one of the 10% of the world’s population that does not focus on life-sustaining but on the realisation of life“.  I am really excited to read it. Jesus said, „One thing is necessary; and Mary has chosen it“. I strongly feel that ‚one thing that is necessary‘ is the realisation of life, and I feel you have rightly grasped its importance. You are truly a philosopher. I understand that with this philosophical and reflective mind you will learn many new things from Nepal.
(…)

I am happy that you are prepared to stay in our guest rooms in the campus in spite of its inconveniences and discomforts. Thus we will have more time together. I am happy.

With every good wish,
Yours sincerely,
Michael

Materialtest – nur so

Kratzt das Merinoshirt und stört die Naht auf der Schulter? Neigen Merinosocken zur Blasenbildung? Was macht die polarisierende Sonnenbrille der Kategorie 3? Ersetzt der Hut das Eincremen und sieht er vielleicht noch gut aus? Und vor allem – in welchem Zustand sind die Merinosachen am Tag danach? Was sagen Augen und Nase? 

Im Hinblick auf diese Fragen suche ich uns eine kleine Tour im Allgäu aus. Hoch über‘m Großen Alpsee scheint zu passen. Gute 15 Kilometer, 400 Höhenmeter hoch und wieder runter, maximale Höhe 1.066m und das alles in gut fünf Stunden…ein leichter Einstieg in #MECS 2018.

Wir sind um 11.00h am Alpsee, der Planet strahlt bei 25 Grad. Das Merinoshirt meldet sofort mich den Tag über warm zu halten. Die 80% Merino an den Füßen sitzen wie eine zweite Haut. Der Hut zaubert der besten Ehefrau der Welt ein Lächeln auf die Lippen…und los.

Der 20-minütige Anstieg nach Zaumberg hat es in sich. Ein Vater meint, seine zwei Töchter an Seilen nach oben motivieren zu können, wir sehen ihn nicht wieder. Hinter Zaumberg verschwinden wir im Wald Richtung Siedelalpe, die wir nach einer guten Stunde erreichen. Dahinter das Gipfelkreuz vom Köpfle, die erste Rast und der erste schöne Blick auf den Alpsee, Immenstadt, den Grünten und auf ein paar Gipfel der Nagelfluhkette.

Zeit für die Brille. Ich ziehe sie über die normale Brille…wow! Statt eines hellen Himmels, erkenne ich Wolken, Farbe und Gleitschirmflieger. Sie stört nicht, ist leicht und im Wald nehme ich sie ab…perfekt. Sie hat ihren Platz im Himalayagepäck sicher.

Wir laufen eine Stunde bis zum Alpseeblick und genießen die Aussicht. Wir schenken uns die Thaler Höhe und freuen uns auf ein Radler in der Hohenschwandalpe, die prompt geschlossen hat. Also ohne Stärkung 400 Meter nach unten. Ohne Stärkung…und ohne Stöcke, weil die stehen im Windfang. Die Serpentinen nach Reutern nehmen kein Ende, die Füße qualmen, aber Merinowolle brennt nicht. Die Marienkapelle spendet kurzzeitig wohltuende Kühle und um 15.00h sind wir unten. Uff.

Die Trinkblase ist leergesaugt und der Wegweiser sagt 9 Kilometer bis Immenstadt, was gute fünf bis zum Auto bedeutet. Nach einer nicht enden wollender Stunde sind wir am Strandcafe und genießen das beste alkoholfreie Weizenradler…ever! Alles gut.

Am Tag danach dann die Überprüfung der eingesetzten Materialien. Die Wollsocken funktionieren prächtig und riechen nicht! Blasen? Fehlanzeige. Das Wanderhemd über dem Merinoshirt ist voller Schweißränder auf dem Rücken. Die Naht störte aber bei 3,5kg Rucksack nicht. Das Merinoshirt selber sieht aus wie neu. Ungläubig rieche ich daran…wenig bis nichts. Cool. Hat es gekratzt? Ich erinnere mich nicht. Und der Hut? Kein Sonnenbrand auf Ohren und Nacken…aber hübsch macht er nicht. 

Das Mamertus-Experiment oder Liebe macht taub

Die Eisheiligen 2018 boten Gelegenheit, die langgehegte Idee der Schlafsacküberprüfung endlich umzusetzen. Mit 10 Grad war es tendenziell zu warm, aber die Zeit rennt und die Akklimatisation musste begonnen werden. Mit der gebotenen Flexibiltät wurde der Schlafplatz ausgewählt und mit ein paar Schaumstofflagen nepalesk-bodenständig hergerichtet. Ein schwäbischer Riesling sorgte für eine ausgelassene Stimmung trotz der aufkommenden Aufregung, die Nacht im Freien zu verbringen. Heute gilt es!

Gegen Mitternacht entscheide ich mich für T-Shirt und Boxer, während Klaus leichte Trainingsbekleidung wählt. Die Merinosachen bleiben im Schrank, schließlich nähern wir uns nicht der Frostgrenze. 

Die nachfolgende Chronologie soll die Nacherlebbarkeit dieser Nacht sicherstellen:

23:58 Uhr: Wir beziehen die Schlafsäcke. Klaus verplombt sich die Ohren und wünscht Gute Nacht.

00:00 Uhr: Die Kirchenglocken kündigen die Geisterstunde an. Laute Gegend.

00:03 Uhr: Ich überprüfe meine Situation, Temperatur und Körperfunktionen. Alles im grünen Bereich. Der Schlafplatz ist nicht das, was ein gewissenhafter Handwerker plan nennt, sondern leicht abschüssig. Das Drehen nach oben erfordert erhöhten Kraftaufwand, während ich beim Drehen nach unten Gefahr laufe, vom Schaumstoff zu rutschen. Ich bin vorsichtig optimistisch diese Tatsache ausbalancieren zu können. 

00:06 Uhr: Von links kommt ein Geräusch, welches man eigentlich mir nachsagt – Klaus schnarcht. Wie jetzt? Kein Zweifel, er nähert sich dem Knillwäldchen und sägt. Na prima.

00:23 Uhr: Ich entscheide mich, den Schlafsack zu verlassen, um meine Ohropax aus dem Wohnzimmer zu holen. Der kurze Kälteschock ist erfrischend. Gaby ist noch halbwach und blickt vom Sofa kurz auf. Ich murmle etwas von Ohrstöpsel, was sie zu einem „Ah, der Schatzi schnarcht doch net!“ veranlasst. Der Schatzi vielleicht nicht, aber der Kerl im Schlafsack über mir ganz sicher. Liebe macht taub.

00:30 Uhr: Der Schlafsack hält die Wärme, cool. Die 700-er Daune macht ihren Job. Die äußeren Extremitäten fühlen sich durchblutet an. Die Ohropax sitzen fest…es ist still. 

00:48 Uhr: Ist was mit Klaus? Soll ich mich mal umdrehen? 

00:49 Uhr: Klaus lebt…und wie! Mit schwerem Gerät nimmt er sich den Wäldern des Wentals an. 

01:15 Uhr: Schlagen die Kirchenglocken auch nachts? Laute Gegend.

01:16 Uhr: Ein kurzer Check von Temperatur und Beweglichkeit, alles gut.

01:17 Uhr: Der Kopf liegt zu tief, so wird das nichts. Ich könnte ein Kissen holen…oder die Crocs unter den Schaumstoff klemmen. Ja, das sollte gehen. Aber jetzt…

02:00 Uhr: Die beiden christlichen Kirchen liefern sich einen Wettstreit, wer lauter die volle Stunde ankündigt. Welcher Kirchengemeinderat hat beim Antrag, den Glockenmotor zu erneuern mit Ja gestimmt? Wie blöd kann man sein? Sehr laute Gegend.

04:15 Uhr: Der Schwarzwald bietet Klaus alle Möglichkeiten. Ich stelle mir die Frage, ob der Boden den Schall zwischen den zwei Schlafsäcken verstärkt. Hat sich nicht Beethoven einen Holzstab zwischen die Zähne geklemmt und diesen dann auf das Klavier gelegt, um über die Schwingungen seine Kompositionen zu „hören“? 

04:43 Uhr: Es dämmert. Ich mache ein Bild, wie langsam der Tag beginnt. Zählt ein Tag als neu, auch wenn man keine Nacht hatte? Ich informiere die Welt über threema, dass es langsam hell wird…und Tina antwortet. Wir verabreden uns für 05.30 Uhr beim Bäcker. Der Gefahr, dass Klaus noch den Amazonas erreicht, setze ich mich nicht aus. Tut mir leid, mein Freund.

05:07 Uhr: Abbruch des Experiments. Ich schlüpfe aus dem Schlafsack und ziehe mich an. Beim Verlassen des Hauses kommt Klaus aus dem Pavillon, er hätte meinen Reißverschluss gehört!? Fast dankbar verzieht er sich nach oben zu Gaby ins Bett…

Das war sie also, die Nacht im Schlafsack. Mit zwei Hoffnungen fahre ich nach Nepal. Ich wünsche mir in den Lodges Temperaturen zwischen 0 und 5 Grad, sonst wird aus dem Schlafsack eine Sauna. Und ich hoffe, dass die Anstrengungen und der fehlende Alkohol uns beide gleichzeitg in den wohlverdienten Schlaf schicken. Noch fünf Monate…

Bestandsaufnahme – Noch sechs Monate

Wow, in exakt sechs Monaten sind wir auf dem Weg in die Chepang-Schule. Sechs Stunden über Land auf Straßen, die hier bei uns wohl nicht als solche bezeichnet werden. Dann ein Wochenende als Gäste der Schule. Entschleunigte Akklimatisation.

Umpacken in Kathmandu und dann mit dem Flieger nach Lukla. Maximalgepäck 15kg. Ist das viel oder wenig? Zum Selbertragen zu viel und um sich 12 Tage im Himalayagebiet ausreichend zu kleiden zu wenig? Passt das alles in eine Duffelbag mit 90l? Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme, nachdem ich das Internet firmentechnisch durchkämmt habe und alle Lieferservices zwischenzeitlich den Weg zu meiner Haustüre auswendig kennen.

1.800g die Duffel, 1.300g die Wanderschuhe, 1.300g der Schlafsack, 590g die Wanderstöcke, 750g die dicke Daunenjacke, halt, wenn ich die anhabe, dann geht nur die Daunenweste mit 280g ins Gepäck. Dann die anti-odour-keep-you-warm-sex-appeal-Merinosachen…zwei Langarm, zwei Kurzarm, die lange Buxe, die kurzen Boxer, die Fleecehose für das gemütliche Zusammensein am Yakfeuer… gute 1.500g. Zwei Wanderhosen mit Gürtel 550g und die Merinosocken 350g, damit die Füße nur qualmen aber nicht riechen. Die Regenjacke 335g, die Sonnenbrille 80g und der Buff 35g.
Das macht 8.170g, d.h. zwei Drittel meines Gepäcks sind verbraten, wenn unser Träger für jeden von uns 12kg schultert. Microfaserhandtuch, Kulturbeutel, Taschenlampe, extra Schnürsenkel, Sonnenhut, Handschuhe, Sonnen- und Mückenschutz, Feuchttücher und Klopapaier…da sollten vier Kilo reichen, hoffe ich. Alles über 12kg geht in den Rucksack und muss selber getragen werden. Und in der sauerstoffarmen Luft und nach stundenlangem Trekking spürt man jedes Gramm, so sagen die, die schon mal da waren. Travel light ist die Devise. Auf meinem Merino-T-Shirt steht „I don’t know where I’m going but I’m on my way“ und das passt. In den zweiten sechs Monaten wird die Ausrüstung zum Einsatz kommen und für die Kilobeschränkungen weiter optimiert. Läuft…

Sherpa

Neben der Bevölkerungsgruppe der Chepang werden Klaus und ich noch mindestens eine Gruppe näher kennenlernen, die Sherpa. Vielleicht werden unser Führer und unser Träger Sherpa sein, und während der eine uns den Himalaya erklärt, trägt uns der andere täglich stundenlang 25kg in die Lodges voraus, und das fast zwei Wochen lang. Grund genug, das Internet mal nach Informationen über die Sherpa zu durchforsten.

Auf Wikipedia lernt man zunächst, dass die Sherpa vor ca. 500 Jahren aus dem Osten Tibets über den Nangpa La-Pass in die Solu-Khumbu Region im Himalaya einwanderten. Die 150.000 – 180.000 Sherpa leben heute noch in Clans und streng nach den Merkmalen Exogamie und Patrilinearität. Als Vorname wird gern der Wochentag verwendet, an dem man geboren wurde. Nachnamen sind eher ungebräuchlich, oft wird Sherpa als Nachname verwendet. Ab 1900 wurden Sherpa als Hochgebirgsträger für Himalayaexpeditionen angeheuert, der berühmteste Sherpa war und ist Tenzing Norgay Sherpa, dem 1953 zusammen mit Sir Edmund Hillary die Erstbesteigung des Mt. Everest gelang.

Die Sprache Sherpa wird nur gesprochen und nicht geschrieben…aber wie sollen wir dann wenigstens ein paar Brocken Sherpa lernen? An dieser Stelle verweist Wikipedia auf die Seiten Nepalresearch.org. oder Sherwa.de. Diese Seiten bieten zu jedem erdenklichen Thema Hintergrundinformationen zu Nepal und Sherpa und auf den Startseiten gibt es rechts und links jeweils ein (identisches) Lexikon Sherpa-German. In bestem Deutsch hat Lhakpa Doma Sherpa hier den Grundwortschatz und einfache Konversation zusammengetragen, nachdem sie in den Sechzigerjahren nach Bad Honnef auswanderte. Die Einleitung zum Volk der Sherpa ist unbedingt lesenswert.

Aha, die Sherpa nennen sich selbst Sherwa (shar-wa), was soviel wie „Leute aus dem Osten“ bedeutet. Es herrschen konkurrierende Meinungen darüber, in welche Schriftform Sherpa gebracht werden soll, um den Fortbestand der Sprache zu sichern. Die Sherpa-Elite plädiert für Tibetisch, die jüngere Generation für die Devanagari-Schrift. Ich kann weder noch, also steige ich gleich ein: Nye min Michael hin – Ich heiße Michael. En chesung – Ich bin müde (sicher wichtig!). Phoki katiki minti kangsi? – Wie heißt dieser Berg?

Wenn wir dann endlich mal unsere Schlafsäcke einweihen und es morgens ein Frühstück gibt, sage ich: Gaby sama simbu zonok – Gaby hat leckeres Essen gekocht. Für Klaus habe ich auch einen tollen Satz gefunden: Anggur sang dep gokiwi – Man sollte auch Weinstöcke anbauen. Unglaublich, was Lhakpa Doma Sherpa auf 182 Seiten alles gesammelt und geordnet hat. Thuche – Danke! Und ich habe auch erfahren, was Lhakpa bedeutet – Mittwoch.

Everest Base Camp Duffel

B7FCC885-314A-40AC-8E3D-8E5053D91394Nein, wir gehen nicht auf den Mt. Everest. Wir gehen auch nicht bis ins Base Camp. Wir bleiben auf unserer Khumbu-Tour im Dreieck Namche Bazaar-Thame-Tengboche/ Dingboche, wo es meist eine einfache, aber eben doch noch eine Infrastruktur gibt (oder geben soll, was weiß ich schon?).

Klar, der Mt. Everest hat seinen Reiz und der gleichnamige Film von 2015 zeigt in tollen Bildern, welches Suchtpotential der Everest hat und welche Gefahren eine 4C25FC97-398E-4784-855C-2B2286B0C2CFBesteigung birgt, heute noch genauso wie im filmisch umgesetzten Katastrophenjahr 1996. Die ersten Minuten des Films sind wie ein Schnelldurchlauf unserer Tour. Ankunft in Kathmandu, Flug nach Lukla, die Hillary-Brücke, die Ankunft in Namche, der Besuch im Kloster Tengboche…und immer mal wieder ein Blick auf den Mt. Everest.

Das Verlangen, den Mt. Everest zu bezwingen oder ihm ganz nahe zu sein, hat sich zwar durch diesen Film nicht verstärkt, aber den produktplatzierenden Marketingstrategen bin ich doch auf den Leim gegangen. F0E834ED-2853-4695-B151-2866BB44D6FCDie Ausrüstung für einen Trek im Himalaya muss in eine Duffel-Tasche. Davon gibt es viele, Helly Hansen, Patagonia, The friendly Swede usw. Sogar unsere Reiseagentur bietet eine Duffel an.

Und dennoch gibt es eine Marke, die ihre Duffel eben nach dem Mt. Everest benennt und damit natürlich impliziert, für etwas ganz Großes zu taugen. Die Duffel-Tasche hat ihren Namen von der belgischen Stadt Duffel, deren Textilindustrie einst einen schweren Wollstoff für Armeemäntel und Seesäcke herstellte. Heute sind die Taschen gefühlt aus LKW-Plane, farbenfroh, wasserdicht, strapazierfähig und in unterschiedlichen Größen erhältlich. 589A963A-B785-4B0A-8BD8-988703238C60

Und damit beginnt Phase 2 der Vorbereitungen, denn ab heute gibt es neben der Gepäckbeschränkung in Kilogramm noch eine in Liter. Aber das ist ein Thema für einen weiteren Blog. Denn alles, was in diese The North Face Everest Base Camp Duffel nicht passt, bleibt hier.