WineTime – Framus Cutaway

500 Kilometer sind es nach Essen. Essen im Ruhrgebiet. Das Navi bringt uns zielsicher, aber nicht schneller, in das Zentrum von Essen ins Motel One. Am nächsten Tag fahren wir nach einem langen Frühstück und einem kurzen Spaziergang durch die City zu Bernd.
Der 1955 Framus Cutaway

Mein Favorit ist ein Framus Cutaway Bass aus den 50-er Jahren. Genauso spannend wie sein Aussehen ist seine Geschichte, die 1917 mit der Geburt von Fred Wilfer bei Schönbach im ehemaligen Sudetenland (Tschechien) beginnt. Schönbach (das heutige Luby) war seit dem 17. Jahrhundert ein Zentrum des Geigenbaus und wurde in einem Atemzug mit Cremona, der Heimat Stradivaris, genannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiten in Schönbach über 1.500 Menschen im Instrumentenbau, der allerdings mit dem Kriegsende ein jähes Ende nimmt, als die überwiegend deutsche Bevölkerung zuerst enteignet und später vertrieben wird. Fred Wilfer gelang es in den Nachkriegsjahren 2.000 Schönbacher nördlich von Erlangen in Bubenreuth anzusiedeln und 1946 die Fränkische Musikinstrumentenerzeugung Fred A. Wilfer KG – kurz Framus – zu gründen. Bis zum Konkurs 1977 war Framus die größte Gitarrenfabrik Europas, baute aber auch weiterhin klassische Streichinstrumente. Obwohl die Nachfolgefirma Warwick 1995 inkl. der Namensrechte an Framus in den Musikwinkel nach Markneukirchen (Vogtland) umzog, gibt es in Bubenreuth heute noch Handwerksbetriebe für Musikinstrumente. Ein spannendes Stück deutscher (Wirtschafts-)Geschichte und unbedingt lesenswert. (https://de.wikipedia.org/wiki/Framus), (https://www.bubenreutheum.de), (https://www.framus-vintage.de/de/modules/modells/modells6273.html)

Bernd kommt uns mit einer Tasse Kaffee entgegen und hat den Bass für mich schon nach vorne gestellt. Er sieht in echt noch besser aus als im Netz und auf seiner virtuellen Stirn steht RocknRoll. Das Sunburst-Finish sieht klasse aus und die kleinen Kratzer und Macken sind Zeugen seines „Rentenalters“. Mit den aufgezogenen Darmsaiten slappt Bernd den Framus kurz an und es ist sofort klar, dass dieser Bass unmöglich in den Ruhestand gehen darf. Im Vergleich zum störrischen Bass der Musikschule fühlen sich Saiten und Saitenlage des Framus super an. Was ein Unterschied. Ich zupfe auch noch an einem Kay-Bass von 1939 mit Sensicore-Saiten und auch dieser groovt richtig los. Ich merke, dass die Saiten zum Bass passen müssen und dass Bernd weiß, was zueinander passt (http://www.kontrabassist.com/kontrabaesse-und-zubehoer/kontrabass-saiten/index.php).

Der 1963 Cadillac

Bernd zeigt mir noch die Bässe, die er sich hat bauen lassen. Richtige Brummer, die auch unverstärkt Betrieb machen. Auf seiner ersten Eigenanfertigung haben Peter Kraus, Shakin‘ Stevens, Lee Rocker (Stray Cats) und Bryan Adams unterschrieben, mehr RocknRoll geht fast gar nicht.

Wir lernen Bernds Frau Yil kennen, die es aus Stuttgart ins Ruhrgebiet verschlagen hat und verquatschen fast drei Stunden. Bernd kennt The Cash aus Ulm und happy six aus Waghäusel, die Rockabilly-Community ist überschaubar groß. Ich bekomme noch Tips zu Tonabnehmern, suche mir eine Tasche aus und Bernd schenkt mir noch eine CD seiner Mobile Jukebox. Mobil und unverstärkt seien sie meist unterwegs, aber richtig Lust hätte er mal wieder auf Bühne und Strom. Das kann ich gut verstehen. Beim Verabschieden öffnet Bernd noch kurz die Garage und zeigt mir seinen cremefarbenen 1963-er Cadillac. Ein ellenlanges Gefährt in bestem Zustand. Jetzt bin ich für klassische Autos definitiv der falsche WineTimer, aber dass dieses Schmuckstück zu RocknRoll passt ist unstrittig.

Die Mobile Jukebox CD

Wir packen den Framus Cutaway Bass aus dem Jahr 1955 in einen ganz und gar normalen Volkswagen und machen uns auf den Heimweg. Ich habe bei diesem Bass ein sehr gutes Gefühl und reihe mich jetzt in die Riege der Framus-Besitzer ein. Die Liste von Musikern, die auf Framus Gitarren und Bässen spielen oder gespielt haben ist Verpflichtung genug, diese Herausforderung anzunehmen und bietet genug Stoff für einen eigenen Artikel.

WineTime – Der Kontrabass oder Corona ist Mist

Boogie Woogie – bloß weg

Es war halt nicht meins. Natürlich ist das Klavier ein schönes Instrument und nachdem wir in Oberschwaben eines zuhause hatten, war der Weg zu Klavierstunden nicht weit. Der langjährige Dirigent des Musivereins Stadtkapelle Bad Waldsee Günter Kuno und meine Deutschlehrerin Frau Fleischer gaben sich alle Mühe…im Gegensatz zu mir. Ich erinnere mich an ein lindgrünes Notenbuch mit Bachstücken und an ein blaues Heft mit Boogie-Woogie, aber an die Melodien nicht mehr. Nicht eine.
Dem Umzug nach Leonberg 1979 folgte ein Vorspiel an der örtlichen Musikschule, um mich für einen der begehrten Plätze für Klavierunterricht zu qualifizieren. Ich spielte ein Stück von Bach aus dem lindgrünen Buch. Das Ergebnis war Warteliste mit wenig Aussicht auf ein kurzfristiges Nachrücken. Aber, so wurde mir mitgeteilt, meine Größe und Statur seien prädestiniert für Kontrabass, ob ich nicht…? Wollte ich nicht. Wie cool ist Kontrabass mit 13? Eben.

Vierzig Jahre später spiele ich Bass. Akustisch und elektrisch. Nicht besonders gut, aber doch mit einer gewissen Leidenschaft und auch mit dem Drang zum gelegentlichen Üben. Klar, Sting spielt besser, Bryan Adams auch, Paul McCartney sowieso, eigentlich spielen alle besser. Aber nicht alle spielen Kontrabass! Wie cool ist Kontrabass mit 54? Eben. Die Schnupperstunde in der örtlichen Musikschule war fix organisiert, das Formular für ein paar Abostunden heruntergeladen und der Leihbass für die Sommermonate gebucht und mit nach Hause genommen…check. Bereit für Oktober 2020!
Die Hülle des Leihbasses riecht „eingesperrt“, fristete sicher im fensterlosen Lager der Musikschule ein trauriges Dasein. Dem 3/4 Kontrabass selber fehlt am Stachel der Gummipfropfen, der Abstand der Saiten zu Griffbrett ist immens groß und auf Arco (Bogen) aus- bzw. eingerichtet, das ganze Instrument „schreit“ Schülerbass für den klassischen Einsatz. Keine optimalen Voraussetzungen für einen motivierten Schüler, der RocknRoll und Swing zupfen möchte. Einen Schüler mit einem gewissen finanziellen Spielraum. Ich könnte doch mal schauen…

Wo kauft man einen Kontrabass? Die Musikalienhandlung mit dem t (sprich d) im Namen preist ihre Bässe ab 600 Euro an…Klimakammerholz aus Rumänien, industriell gehärtetes Holz als Griffbrett, um die Ebenholzwälder zu retten. Schön und gut, aber das ist doch etwas fad. Ein Geigenbauer vielleicht? Vom Schwarzwald bis nach Mittenwald bieten einige wenige, aber dafür wirkliche Künstler vollmassive Meisterbässe an…ab 12.000 Euro. Das Thema „gewisser finanzieller Spielraum“ hat sich damit erledigt.
In den Kleinanzeigen auf ebay tummeln sich die Privatverkäufer – gebrauchte Kontrabässe von „reparaturbedürtig“ bis „spielfertig“, von 1.000 bis 9.000 Euro, die Informationen in den Anzeigen unvollständig bis zweifelhaft. Keine Chance für einen Laien.

B&B mal anders – Bässe bei Bernd

Irgendwann taucht in einem Internetforum der Name Bernd Eltze auf. Als Berufsmusiker hat er eine Homepage, die sich über google leicht findet (www.kontrabassist.com). Die Bildergalerie ist ein Eldorado für alle RocknRoller und alle Vintage-Bands, die sich der Musik der 50-er und 60-er verschrieben haben. Links am Rand taucht die Rubrik „Gebrauchte Bässe & Zubehör“ auf…bingo. Acht oder neun Bässe stehen zum Verkauf, in Holz, in Sunburst, in ungewöhnlichen Lackierungen. Alle mit Steckbrief, alle mit Charakter, alle spielfertig. Ich habe sofort einen Favoriten, zwei andere in der engeren Wahl, und schicke das Formular einfach mal ab.

Nach 30 Minuten klingelt das Telefon „Hallo, hier ist Bernd, Du suchst einen Bass?“. Ich lerne im folgenden Telefonat mehr über Bässe als während der Internetrecherche der letzten Wochen. Ich lerne aber auch, dass Corona für einen Berufsmusiker ohne Auftritte großer Mist ist. Der Verkauf von Teilen seiner Sammlung geschähe „nicht ganz freiwillig“, aber ich wäre herzlich willkommen, mir die Bässe mal anzusehen und probezuspielen.
Als die beste Ehefrau der Welt aus dem Büro kommt, sage ich „Schatz, wir fahren nächste Woche nach Essen“. „Welches Restaurant?“. „Schatz, nicht zum Essen, nach Essen!“. „Welches Essen?“. „Essen im Ruhrgebiet“.

Weil die Frage kommt

Der letzte Abend in Kathmandu, die letzten Mo:Mo‘s geteilt und das letzte Stückchen Chillichicken mit einem Schluck Nepal Ice Bier hinuntergespült. Eine letzte Dusche, um danach die letzten Klamotten zu verpacken, bevor wir morgen nach Deutschland zurückkehren. 

Wie war‘s? Nun, zuallererst war es eine Reise mit einem sehr guten Freund. Bis auf die Unterwäsche und zwei, drei Meinungen haben wir alles brüderlich miteinander geteilt, am Ende gar die Erkältung und die Mode für die daheimgebliebenen Frauen. Ich sage an dieser Stelle einfach: Danke, Klaus!

Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle auch an Ines, Bijay, Mane und Pemba von Nepal Himalaya Reisen. Wir waren bei Euch in den besten Händen! Wir mussten uns auf dem Trek nur um uns kümmern, weil ihr im Hintergrund alles geplant und organisiert habt. Es konnte nicht besser sein. Dhanyabad!

Nepal ist ein tolles Land und deshalb ist die ganze Welt zu Besuch. Die internationalen Kontakte habe ich genossen, egal ob lang oder kurz. Brasilien, Indien, Malaysia, Polen, Slowakei, Schottland, Litauen, USA, Neuseeland, Holland, Frankreich, Israel usw. Es gab immer etwas zu erzählen und obwohl oft über dasselbe geredet wurde, war es immer anders. Nur schön oder beeindruckend oder lecker oder kalt war es immer.

Der Besuch der Chepangschule war etwas ganz besonders. Ein gutes Dutzend Leiter und Lehrer kümmern sich um fast 250 benachteiligte Kinder, die ohne diese Schule keine Ausbildung bekämen. Der Idealismus, mit der diese Aufgabe bewältigt wird, scheint grenzenlos. Klaus und ich wurden über das Wochenende unglaublich freundlich aufgenommen und beherbergt und wir hoffen, dass wir durch unseren Besuch und die nachfolgenden Präsentationen die Solidarität und die Verbundenheit zur Navodayaschule weiter fördern und festigen. In einem Nebensatz sei noch erwähnt, dass wir in drei Wochen Nepal nirgends so abwechslungsreich und köstlich gegessen haben wie in der Chepangschule (und ich weiß, dass ich gestern die Küche Kathmandus in den höchsten Tönen gelobt habe).

Bleibt noch das Trekking. Ich habe sehr viel Zeit und Geld in die Ausrüstung investiert und jede Minute und jeder Euro hat sich bezahlt gemacht. Ich habe nichts vermisst und nichts umsonst mitgenommen, es war schlicht perfekt. Merino heißt das Zauberwort auf langen Treks!

Zehn Tage sind Klaus und ich durch die Khumburegion gelaufen. Im Vergleich zu den meisten anderen, haben wir aber eine leichte Tour absolviert, die mir dennoch an manchen Tagen alles abverlangt hat. Die Wahl der Tour war für mich genau richtig, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Treks an das Everest Base Camp, über die „Drei Pässe“ oder gar auf den Island Peak für mich nicht in Frage kommen. Ich wäre auch nicht bereit, mich über einen Zeitraum von zwei, drei Wochen von Lodge zu Lodge zu schleppen. Die Blicke in den Himalaya sind zwar einzigartig, aber sie haben ihren Preis.

Bleibt also die Frage nach einer Wiederholung. Ich habe hier Menschen kennengelernt oder von Menschen gehört, die zum vierten Mal in Nepal waren, die vier Wochen unterwegs waren, die unbedingt wieder kommen wollen, die erst letztes Jahr hier waren oder die für nächstes Jahr schon wieder gebucht haben. Diese Sehnsucht, die Berge immer wieder neu erleben und erwandern zu müssen, hat sich bei mir nicht eingestellt. Das Panorama um den Mt. Everest hat sich für immer in meine Großhirnrinde eingebrannt, aber damit ist es jetzt auch gut, sogar sehr gut. 

Ich habe einen Teil Nepals erlebt und dafür bin ich einfach dankbar. Ich würde diese Reise immer wieder machen wollen, doch nun, wo sie zu Ende ist, werde ich sie nicht nochmal machen. Obwohl ich jetzt die Brücken kann. Namaste!

Kathmandu

Bei Ankunft Kathmandu, nach dem Besuch der Chepangschule Kathmandu und jetzt nach dem Trek wieder Kathmandu. Das Hotel Moonlight ist eine Oase der Ruhe mitten im größten Chaos der Stadt und ein idealer Ausgangspunkt für die Sightseeingtouren. Wenn man sich denn hinaustraut.

Kathmandu hat eine Million Einwohner, der Ballungsraum um die 2,5 Millionen und gefühlt treffen sich alle in der Mitte, in Thamel. Die Stadt ist chaotisch, sie ist dreckig, sie wirkt an allen Ecken irgendwie unfertig und sie ist laut. Mehr als einmal habe ich gehört, wie Touristen (vorzugsweise deutsche Damen) sich negativ über die Stadt geäußert haben. Eine Zumutung, überall Staub und Dreck, der Verkehr eine Katastrophe usw. usw. Sie haben nicht einmal unrecht.

Ich mag Kathmandu und ich habe diese Meinung auch entgegen der üblichen Touristenmeinung vertreten. Chaos und Dreck stören mich nicht, die hupenden Roller und Taxen gehören genauso zum Stadt- bzw. Klangbild wie die kläffenden Hunde nachts. Wenn man die offensichtlichen Fehler im System ausblendet, bleibt eine sehr sichere und freundliche Stadt mit internationalem Format. Ich wurde nicht bedroht, beklaut oder bedrängt, irgendwas zu kaufen. In wenigen Großstädten habe ich mich selbst in den engsten Gassen so unbeschwert bewegt oder bin außerhalb des Zentrums alleine auf Tempeltour gewesen wie in Kathmandu. Der Dienstleistungsgedanke gilt für Cafes, Restaurants und Läden gleichermaßen und wer sich wie ich, wenn auch mit etwas Anlauf, auf das Handeln und Feilschen einlässt, hat eine Menge Spaß. Der nervige Flöten- oder Tigerbalmverkäufer fällt da nicht mehr ins Gewicht.

Wir haben eine gute Hand voll Restaurants ausprobiert und haben für 1,86 Euro oder auch mal für 7 Euro gegessen…und zwar hervorragend. Die Qualität an nepalesischem oder indischem Essen ist schlicht überragend und wem bei den offenen Metzgereien am staubigen Straßenrand die Lust auf Fleisch vergeht, der ist bei den vegetarischen Gerichten bestens aufgehoben. Die Stadt bietet eine grandiose Auswahl für alle Geschmacksrichtungen und jeden Geldbeutel.

Die zahlreichen Heiligtümer innerhalb der Stadt gehören seit 1979 zum Weltkulturerbe und sind allesamt einen Besuch wert. Der Durbar Square ist in zwanzig Minuten zu erreichen, wenn man sich vom Chaos auf dem Paknajol nicht abschrecken lässt, sondern sich als Fußgänger einfach in den Verkehrsfluß einreiht. Vom Hotel Moonlight läßt sich Swayambhunath in dreißig Minuten erlaufen, was neue Einblicke in die Stadt erlaubt. Für 4 Euro fährt das Taxi vom Hotel aus nach Bodnath und von dort kommt man in einer halben Stunde durch eine nach nepalesischen Maßstäben bevorzugte Wohngegend nach Pashupatinath. Während die buddhistischen Heiligtümer Swayambhunath und Bodnath zu den eher ruhigen Sehenswürdigkeiten gehören (wenn man vom Affenzirkus in Swayambhunath mal absieht), ist in Pashupatinath deutlich mehr geboten. Wer das Glück hat, sich von einem Führer wie Kormar für einen guten Fünfer durch Pashupatinath leiten zu lassen, erhält Einblicke in den Hinduismus, die man allein niemals bekommen hätte. Die Zeremonie der Totenverbrennung in aller Öffentlichkeit ist wahrlich etwas Besonderes.

Für mich waren der Besuch der Chepangschule und die Aussicht auf die Achttausender wie den Mt. Everest die Hauptgründe für die Reise nach Nepal. Jetzt, wo die Reise zu Ende geht, ist vielleicht Kathmandu der heimliche Gewinner.

Pemba Sherpa Zitat

Wir sind wieder in Namche Bazar und sind in der Himalayan Lodge untergekommen. Unser Zimmer ist schön und der Panoramablick auf die Stadt steckt die Amalfiküste in die Tasche (behaupte ich jetzt einfach mal). Wir warten im sehr schönen Speisesaal auf unser Abendessen.

Ich frage Pemba, ob er schon einen Schlafplatz hat. Ja, unten, im Viererzimmer für die Guides. Die Himalayan Lodge kümmert sich. Beim ersten Stop in Namche schlief er im Hotel Tibet mit 20 anderen Guides unter‘m Dach. Das war laut, aber in der Khumburegion gibt zumindest immer Platz zum Schlafen. 

Ich frage ihn, wo es denn schwierig sei. In Tibet, antwortet er. Kein Platz im Zelt, keine Erlaubnis im Küchenzelt zu schlafen, manchmal bliebe nur der kalte LKW. Aber er brauche nur ein Kissen und eine Decke. Dann erzählt er, was er zuletzt seiner Frau aus Tibet getextet hat:

„I‘m hugging my pillow and dream of you and when I‘m home again I‘m hugging you and dream of my pillow“.

Es ist für Europäer schwer nachvollziehbar, dass die Freiheit des Reisens und die Sehnsucht nach den Bergen den gleichen Stellenwert hat wie die eigene Ehefrau. Aber wir heißen ja nicht Sherpa.

Phunki Thenga 24.10.18

Die Nacht in der Trekkers Lodge in Tengboche war recht ordentlich. Die Erkältung ist noch da, aber im Gemeinschaftsraum brennt schon oder noch ein Feuer im Ofen, so dass der Kälteschock nicht gleich beim Frühstück kommt.

Wir verlassen Tengboche bei minus 4 Grad in Richtung Dingboche, eine Tagestour um die fünf Stunden. Was genau es in Dingboche gibt weiß ich nicht, aber ich will es zumindest probieren. Die ersten 30 Minuten geht es abwärts nach Deboche, ein Ausweichquartier für Tengboche. Ich merke, dass mir jeder Schritt schwer fällt. Ich schnaufe bis in die letzte Bronchie, aber der Sauerstoff erreicht die Oberschenkel nicht. Nach einer Stunde sage ich „Nein, es geht nicht“. Ich entschuldige mich, dass wir die letzte Etappe streichen müssen und dass wir die 4.000m-Grenze nicht erreichen. Klaus hat kein Problem damit und zeigt Verständnis. Pemba ist gleich am Telefon und organisiert, storniert und bucht neu. Wie immer auf der Tour ist „the room not confirmed yet“, aber am Ende schlafen wir alle in einem Bett und jeder für sich.

Wir kehren um nach Tengboche und der Anstieg kostet mich die letzten Körner. Vor dem Tengboche Guest House setzen wir uns in die Sonne und die Berge strahlen um die Wette. Gefühlt habe ich zum ersten Mal Gelegenheit, das Panorama bewusst zu genießen. Nicht im Gehen, auf dem Rückweg oder nach 12 Uhr schon von Wolken verhangen, sondern bei schönstem Sonnenschein vor blauem Himmel. Wir trinken Tee und zählen Taboche, Nuptse, Everest, Lhola, Lhotse, Lhotse Shar, Ama Dablam, Kantega und Thamserku…und wieder zurück. Und nochmal von vorn. Es ist herrlich. Wir kommen mit zwei Schottinnen ins Gespräch, denen das Spektakel so gefällt wie uns. Auch sie sind eher gemäßigt unterwegs und freuen sich jetzt auf das Mani Rimdu. Der Bruder eines Freundes ist hier Mönch und so bekommen sie zu diesem Fest noch buddhistische Hintergründe im Livebetrieb.

Um kurz vor 13 Uhr suchen wir uns Plätze im Innenhof des Klosters und bezahlen brav 3,50 Euro. Um Eins soll es losgehen, aber auch hier gilt Nepalizeit und daher nehmen die beiden Bläsermönche erst um 13.40 Uhr Platz. Vier Trommelmönche besetzen die Ecken des Innenhofes und auf der Treppe erscheinen zwei Mönche mit gewölbten Becken. Einer macht ein Scheppergeräusch, der andere macht nach. Aus den Ecken kommt unvermittelt ein Paukenschlag, dem drei weitere Folgen. Synchron ist das nicht. Der Mönch am unteren Ende der Treppe ist fertig, der obere Mönch geht nach unten und aus der Gebetshalle kommt ein neuer Mönch. Vormachen, nachmachen, Paukenschlag, Paukenschläge. Insgesamt acht Mal. Ich sitze in der prallen Sonne, weil mir die anderen Plätze des Klosters zu kalt waren. Als ich wieder aufwache, stehen acht Mönche im Kreis und tanzen auf einem Bein mit ausgestreckten Armen. Die Bläsermönche blasen zeitgleich hoch-tief und die acht Mönche drehen sich weiter. Mir erschließt sich die Zeremonie nicht, es wirkt etwas wie musikalische Früherziehung. Im Wegnicken klopft mir Pemba auf die Schulter „We go“. Ich widerspreche nicht. „How did you like Puja?“. „Definitely something different“.

Weil Tengboche komplett ausgebucht ist, müssen wir runter bis an die Brücke über den Dudh Kosi. Das dauert nur eine gute Stunde, dann sind wir in Phunki Thenga in der Zembala Lodge. Das Zimmer wirkt einladend, auf der Bettwäsche steht „The Magic of Love“. Der Gemeinschaftsraum ist mäßig warm und fest in deutscher Hand. Während Gespräche mit Trekkern aus anderen Ländern immer unterhaltsam sind und leicht von den Lippen gehen, sind Gespräche mit Landsleuten immer zäh. Dem Paar aus Nürnberg geht das Du nicht über die Lippen und zur Reisegruppe, die auf dem Renjo La Pass war, finden wir keinen Draht. So gehen um 20.30 Uhr die Lichter aus.

Morgen geht es zurück nach Namche Bazar.

Hüttenabend auf Nepali 23.10.18

Wir sitzen im berühmten Tengboche auf 3.875m. Von Khumjung haben wir knapp 5 Stunden gebraucht. Ein klassischer Nepali Triathlon – runter, rüber (Brücke!), rauf. Fast drei Stunden auf einem staubigen Trail nach oben…und oben bereits Wolken. Keine Sicht, kein Panorama. Nepal done the hard way.

Tengboche hat das berühmteste Kloster in der Khumburegion und ist einer der Hauptorte auf dem Weg ans Everest Base Camp (EBC). Der Flecken ist brechend voll. Klar, Hochsaison und ab morgen ist auch noch das größte buddhistische Fest der Sherpas „Mani Rimdu“ im Kloster.

Wir sind in der Trekkers Lodge untergekommen, wo Zelte davor stehen und ein Spiegel mit Rasierklingen am Baum hängt, damit sich wer auch immer dort richten kann. Zelte stehen auch vor dem Tengboche Guest House. Es gibt keine Zimmer mehr.

Der Gemeinschaftsraum der Trekkers Lodge ist voll und zur Abwechslung mal früh beheizt. Kein Wunder, der eiskalte Wind bläst laut Pemba den Schnee von den Bergen in den Ort, man meint es schneit. Gutes Wetter gibt es dieses Jahr nur von 7-12 Uhr, danach ist wolkig. Klaus sitzt neben mir und macht sich Notizen, er wirkt zufrieden. Die Trekkers Lodge ist ein architektonischer Alptraum, unser Zimmer liegt hinter dem Lager und die Toilette ist ein Grund, sich für immer eine Darmverschlingung zu wünschen. 

Zwölf Japaner sitzen neben uns, gegenüber vier Neuseeländer, die mit ihrem Guide die Tour besprechen. Das Paar aus Litauen gönnt sich für 500 Rupien eine Hot Shower. Respekt, danach frierst Du erst mal wie ein Schneider. Ein Franzose sitzt bei den Japanern. Er hat das Zimmer ohne Fenster, wenn er die Türe aufmacht, verstellt er den Flur und kommen wir nicht in den Gemeinschaftsraum.

Das Mädchen der Besitzer füttert den Ofen mit Holz und stellt oben immer Töpfe mit Wasser auf. Kochendes Wasser ist eine der Hauptwährungen im Khumbu, 2 Liter kosten um die 3 Euro. Doch wer möchte auf Tee oder die warme Nalgeneflasche im Schlafsack verzichten, die die ersten Kalteschockmomente mindert? Der Chef der Lodge telefoniert meist wichtig und lauthals und schreibt simultan in sieben Kladden, die vor ihm liegen. Die Hütte brummt.

Knoblauchgeruch kommt hinter uns aus der Küche und mischt sich mit dem Qualm der Räucherstäbchen, die auf der Theke vor sich hin kokeln. Ein Hauch von Hüttenzauber. Um 18.30h gibt es Essen. Angekündigt wird es jeden Abend mit einem Hot Towel, das es so nur im Flieger gibt. Litauen, Deutschland, Japan, Neuseeland ist die Reihenfolge beim Essen. Der Amerikaner aus Washington State, den es in Lobuche auf 5.000m mit der Höhenkrankheit erwischt hat, sitzt noch leicht lethargisch neben mir. Er wäre jetzt auf Diamox, alle 12 Stunden, und freue sich jetzt auf Mani Rimdu. Dann zurück nach Namche. So erzählt man sich die Treks. Drei Pässe für Neuseeland, das EBC für Litauen, da waren die Japaner schon. Um 20.00h kehrt Ruhe ein und alle Trekker machen sich bettfertig. Auf den Bänken im Gemeinschaftssaal werden Decken ausgebreitet, denn die Guides müssen auch wo schlafen. Ein Bild für Götter, als ich mir um 20.15h die Zähne putze und daran vorbei muss.

Wir wollen morgen nach Dingboche, aber meine Erkältung macht mir einen Strich durch die Rechnung.

Ein Zwischenfazit 21.10.18

Heute ist Sonntag, 21. Oktober, Halbzeit. Wir sind in Thame, das wir nach vier Stunden von Namche aus durch das Bhote Kosi Tal erreicht haben. Eine leichte bis mittlere Tour durch den Wald, durch ein paar kleine Dörfer am Fluss Bhote Kosi entlang. Und eine ruhige Tour nach dem hektischen Treiben in und um Namche. Aber auch eine Tour ohne große Höhepunkte, bis auf den Blick von Thame zurück auf den Thamserku und den ganz spitzen Gipfel Charpatey links davon vielleicht. Der Besuch des Klosters Thame mit seiner bunten, altehrwürdigen Gebetshalle entschädigt für den letzten Anstieg.

Meine drei Ziele für diese Reise sind schon erreicht. Ich wollte die Chepang-Schule besuchen, ich wollte nach Namche Bazar und wollte den Mt. Everest sehen. Alles was jetzt noch kommt ist Bonus, aber eben Bonus, der für den Erfolg der Reise nicht mehr ausschlaggebend ist. Ich kann mir vorstellen, dass die Motivation am Ende der Trekkingwoche nachlässt, weil eben die Höhepunkte schon abgearbeitet sind, lasse mich aber gerne eines besseren belehren. Vielleicht bietet Tengboche noch etwas.

Ich freue mich über das Erreichte, über den Trip nach Lukla, über meine Ausrüstung, die perfekt passt und funktioniert, über die vielen internationalen Kontakte und Bekanntschaften, die einem für Minuten, Stunden oder gar für einen ganzen Tag vergegenwärtigen, dass eine solche Reise durchaus ein Privileg ist und man für diesen Zeitraum zu einem erlauchten Kreis gehört. 

Ich kann auch gerade noch so damit leben, dass die Hotels, Lodges und Gästehäuser so komfortabel bzw. so unkomfortabel sind, wie erwartet. Das Klo auf dem Gang, die kahlen, hellhörigen Holzwände, das eiskalte Wasser aus Plastikeimern usw., das alles ist für 10-12 Tage auszuhalten, schließlich sind wir in Nepal. 

Leider war bisher jeder Tag ab 14 Uhr wolkenverhangen und versagte uns immer das Panorama bei Ankunft. Dabei wäre mir ein Blick auf das Dach der Welt als Belohnung der morgendlichen Anstrengung wichtig. Die vielgepriesenen Sonnenuntergänge finden dieses Jahr woanders und ohne uns statt. Mit den Wolken sinkt die Temperatur sofort und es ist dann schlagartig kalt. Eine gemütliche Regeneration ist in den Lodges kaum möglich und ich muss sagen, das zehrt am Gemüt.

Was fehlt? Ich habe unzählige Maniräder gedreht „to purify your soul“ und bin an vielen Manisteinen und Chorten links herumgegangen, aber die geistige Erneuerung blieb bisher aus. Ich hatte mir vorgestellt, dass Nepal etwas mit mir macht, mir einen Geistesblitz schickt oder eine ungestellte Frage beantwortet, aber bis dato bin ich einfach nur beim Trekken. Ein Amerikaner, der seit 22 Jahren in Kathmandu lebt, sagte in Thame: „For Nepali walking for hours is their way of life“. Meiner eher nicht. Aber eine Woche habe ich ja noch…

Namche Bazar 19.10.18

Seit ich begann diese Reise zu planen, war Namche Bazar immer im Mittelpunkt. Die Hauptstadt der Sherpas, dieses bunte Amphittheater im Himalaya, übt einen ganz eigenen, besonderen Reiz aus.

Wir machen uns nach einer saukalten Nacht, in einer saukalten, ungemütlichen Lodge in Phaking um 7.00h auf den Weg. Nach 10 Minuten kommt die erste Hängebrücke des Tages über den Fluss Dudh Kosi. Oben kommt langsam die Sonne über die Berge. Wir laufen relativ unspektakulär am Fluss entlang bis der Himalya zum ersten Mal Hallo sagt. Nach Benkar geht es einige richtig mistige Stufen bis nach Monjo hoch, wo wir die Trekking Permits für den Sagarmatha Nationalpark bekommen. 

Es folgt der Abstieg in den Park und danach wieder eine Hängebrücke. Die Stahlseilkonstruktionen machen einen beruhigenden Eindruck und der Boden aus Stahlschienen wirkt solide, gibt aber durch die Ritzen leider den Blick nach unten frei. Rechts und links an den Seiten gibt es Maschendrahtzaun, der bis an die oberen Seile reicht…oder eben nicht! Manchmal zu, manchmal offen und manchmal fehlt ein Stück. Vielleicht nicht so groß, dass ein Mann meiner Statur durchpasst, aber wo sind TÜV und Arbeitssicherheit, wenn manN sie mal braucht?

Wir essen in Jorsalle zu Mittag, um Kraft für den Anstieg nach Namche zu tanken. Es folgt wieder eine Hängebrücke, die wie jede Hängebrücke immer leicht wippt. Es laufen nicht alle im gleichen Schritt oder Rhythmus und das bedeutet, dass bei meinen Schritten der Boden entweder zu früh da ist oder später als erwartet, was jedes Mal eine Schrecksekunde bedeutet. Am Ende der Brücke fragt mich eine Engländerin: „You okay?“. Ich sage ihr, dass diese Dinger nicht meine Freunde sind und sie antwortet: „Oh, I hate them with a passion. Did they tell you about the last one before Namche?“. Ich nicke. „That‘s a real bastard. I almost crawled on that thing“. Na, prima.

Ich weiß von dieser Brücke und finde die Sequenz im Everestfilm toll, aber als sie kurze Zeit später auftaucht, rutscht mir fast das Herz in die Hose. Ein schreckliches Teil. Ich frage Pemba, ob wir nicht die untere Brücke nehmen könnten, aber er lächelt nur: „Lower bridge closed. We take upper bridge, is a shortcut“. Nie im Leben war mir eine Abkürzung mehr egal. Wir verlassen das Flusstal und steigen auf. Ein Schild auf Nepali verrät sicher die Details der Brücke und preist die Ingenieursleistung, aber ich bin nur froh, dass ich es nicht lesen kann. Oben angekommen hängt dieses Ding und ich bitte Pemba vor mir zu gehen. Ich ziehe links einen Handschuh an mit dem ich mich am Seil halte und lege meine rechte Hand auf seinen Rucksack. So überqueren wir in vielleicht 20 Sekunden gemeinsam dieses Scheißding. Das rot-schwarze Mammutlogo seines Rucksacks ist mein Fixpunkt, etwas anderes sehe ich nicht. Wenn es bei dieser Reise auch darum ging, persönliche Grenzen zu verschieben und die Komfortzone zu verlassen, dann war ich bei dieser Brücke genau richtig. 

Was folgt ist ein kräftezehrender, endlos wirkender Aufstieg nach Namche auf einem staubigen Weg durch den Wald. Alles, was es in Namche zu essen, trinken und kaufen gibt, muss hier hoch. Dementsprechend ist viel Betrieb. Touristen wechseln sich mit Yaks und Trägern ab. Einer bleibt mir im Gedächtnis, ein kleiner, dürrer, alter Nepali, der Knoblauch und Zwiebeln nach oben schleppt. Pemba frägt ihn nach dem Gewicht des Korbes und er antwortet auf Nepali 80kg.

Um 14.00h sind wir am Checkpost vor Namche und um 14.30h betreten wir die Stadt. Sechseinhalb Stunden waren wir unterwegs und 800 Höhenmeter haben wir gemacht und jetzt heißen uns die Gompa, die Statue von Pasang Lamu Sherpa, der ersten Nepalifrau auf dem Everest, und bunte, große Maniräder willkommen. So ungefähr habe ich es mir vorgestellt. Wir sind in Namche Bazar auf 3.400m. Wenn die Reise hier zu Ende wäre, dann hätte sie sich schon gelohnt!

Unser Weg nach Lukla oder am Ende wird es gut

Klaus und ich wachen vor dem Weckruf (3.45h) auf. Die Nacht vor dem Abflug war unruhiger als erwartet. Wir packen unser Zeugs, schlüpfen in die Merinosachen und sind um 4.30h in der Hotelrezeption. Die Taschen und Rücksäcke legen wir auf die Waage, Übergepäck ohne Ende. Einiges bleibt im Hotel, anderes geht ins Handgepäck und wir hoffen am Flughafen auf ein mildes Urteil. Noch eine schnelle Tasse Tee, denn um 4.45h kommen Mane und Pemba, um uns zu verabschieden bzw. mit uns zum Flughafen zu fahren. Um 5.15h sind wir eingescheckt und die paar Kilo mehr hat man kommentarlos durchgeschoben… bis auf den Rucksack von Klaus, der nicht in die Kabine darf, sondern mit den Taschen mitmuss. Sabei tik chhaa, alles klar.

Um 6.15h fliegt aber niemand nach Lukla, weil sich der Nebel vom Vortag noch nicht verzogen hat. Doch um 8.30h sitzen wir im Bus, die Sonne scheint und die zweimotorige Maschine der Summit Air glänzt auf dem Rollfeld. Wir sind Flug 501, die Nummer 2 heute. Flug 301 darf zuerst, der Bus steht ein paar Meter weiter, vor der zweiten Summit Air Maschine. Unser Pilot steht lässig mit Sonnenbrille vor unserem Flieger mit der Kennung 9AN-AMG und der Batterieschlauch hängt am Flieger.

Ein wichtiger Mann mit Schutzweste verkreuzt plötzlich die Arme vor dem Kopf und ruft in den Bus: „Lukla Airport closed! Back to Terminal“. Beide Busse müssen zurück. Fast.

Charlotte, eine Holländerin bei uns im Bus, erzählt von der deutschen Miriam, die seit zwei Tagen im Terminal hockt, weil Lukla dicht ist. Wir treffen Miriam im Terminal. Sie bewahrt Fassung, ist aber merklich angefressen und denkt darüber nach, ihren Trek nicht zu machen. Doch die Stimme aus dem Lautsprecher vermeldet, dass um 11 Uhr für alle Flüge nach Lukla ein zweiter Anlauf unternommen wird. Gut so. Um 10.40h melden sich zuerst Mane und dann Ines, um die Möglichkeit eines Helikopterfluges für 180 Euro pro Person auszuloten. Lukla ist Lukla und wir kämen sonst eventuell nicht weg. Ich will den Zirkus mit einer weiteren Nacht in Kathmandu nicht machen, sondern nach Lukla. Klaus nickt und so gehen zwei bzw. drei optionale Sitzplätze im Hubschrauber an uns.

Um 11.00h stehen wir erneut vor der Maschine. Die Stimmung im Bus ist blendend. Wir sehen wie Flug 301 neben uns boardet und die Maschine gen Lukla abhebt. Na also, geht doch. Pembas Handy klingelt und er bekommt die Nachricht, dass ein Flieger aus Phablu in Lukla gelandet ist. Janiv aus den USA schaltet sich in die Diskussion ein, sein Guide in Lukla meldet schönes Wetter. Der Bus jubelt „Good Karma“ und „Positive Energy“. Wir frotzeln mit Pemba „Flighttime 6.15h plus five hours“, aber er kontert locker „6.15h Nepali time“. Gelächter im Bus.

Da taucht der wichtige Mann mit der Schutzweste auf und verkreuzt die Arme: „Lukla Airport closed. Flight 301 will return. Back to Terminal“.

Pemba telefoniert wie wild, auch weil wir ihn gebeten haben, den Heliflug für Charlotte zu checken. Das klappt und so stehen wir um 14 Uhr mit unserem Gepäck vor dem Helibüro und treffen Janiv und Gidi, den anderen Israeli, aus dem Bus. Sie haben die Plätze 5 und 6 und wollen auch heute noch nach Lukla. Der Abflug ist für circa 16.00h vorgesehen und Pemba empfiehlt Lunch im Flughafenrestaurant im ersten Stock, das wir durch einen unscheinbaren Treppenaufgang erreichen. Aber, wie könnte es an einem solchen Tag sein: „No lunch after 2pm“. Wir bleiben dennoch sitzen und Klaus schmeißt eine Runde Müsliriegel und Mannerschnitten aus seiner Vesperdose. Janiv packt eine Khumbukarte aus und wir erklären uns gegenseitig unsere Touren. Everest Base Camp gewinnt deutlich. Charlotte will danach noch eine Gruppe erwischen, die auf den Island Peak will, Respekt. 

Ab 15.15h beginnt die Wiegerei, weil die maximale Zuladung an Personen des Helis 450kg beträgt. Gidi, Klaus und ich schießen den Pfeil der Waage locker auf über 100kg, allerdings mit Rucksack und in voller Montur. Die Nepali schwanken zwischen belustigt und erschüttert. Pemba schafft es mit Rucksack gerade mal auf knapp 70kg und meint: „Not good when high weight“. Recht hat er. Bleiben um die 50kg für Charlotte, die sie aber mit Rucksack locker reißt. Der Büromanager ordnet an, die Gruppe auf zwei Helis zu verteilen und Klaus macht sich mit Teilen des Gepäcks auf den Weg – „See you in Lukla“. Der Rest der Gruppe verlässt 20 Minuten später das Terminal und trifft Klaus im Bus! „Der Pilot wollte auf einmal nicht mehr fliegen?!“.

Wir fahren zum Heliport, der hinter der Landebahn liegt. Es ist kurz vor 16.00h. In 90 Minuten ist dunkel, dann fliegt nichts mehr. Nur mit unserem Handgepäck laufen wir zum Heli von Eric „Riddler“ Ridlington und werden ermahnt uns dem Heli nur von vorne zu nähern, da beide Rotoren schon laufen. Charlotte und Pempa dürfen vorne sitzen, wir vier Männer hinten „for balance reasons“. Schönen Dank auch. Angeschnallt warten wir bis der Heli abhebt, was er nicht tut, weil dem Riddler ein Hydrauliklämpchen nicht gefällt. Wir müssen raus und setzen uns vor den Bürocontainer. Die Stimmung ist gut, obwohl wir alle seit über 12 Stunden auf sind. Die Verkleidung des Helis ist aufgeklappt und drei Mechaniker turnen um ihn herum. Der Riddler kommt und sagt, es wäre repariert, aber wir sollten mit Dave fliegen, der in fünf Minuten landet. „Super Dave will take you to Lukla“. Charlotte will wissen, ob Eric bei der National Geographic Serie „Everest Mountain Rescue“ dabei war, was er verneint. Da landet Capt. Dave Peel und wir rennen zum Hubschrauber. „Hop in, guys, quick“, es ist 16.25h. „Keep seat belt fastened at all times“, ruft er, dann hebt das Ding tatsächlich ab. Wir sehen einen Teil von Kathmandu aus der Luft, die größte Shiva-Statue der Welt und einen goldenen Buddha mitten im Wald. Als wir uns dem Himalaya nähern, dunkelt es und es ist wolkig. Nach 40 Minuten kommt Lukla in Sicht, dann sehen wir die Landebahn und um 17.05h setzt Super Dave den Helikopter sicher auf. Auch er bleibt über Nacht, weil er nicht mehr zurückkommt. „Last helicopter, last minute“.

Das Problem an Lukla ist – kommt keiner hin, kommt auch keiner weg. Das bedeutet, dass seit drei Tagen alle in den Hotels und Lodgen hocken und auf Wetterbesserung warten. Dennoch hat Pemba ein Zimmer im Hotel Numbur für uns organisiert, weil wir ja für eine Übernachtung in Phakding eingeplant waren. Ich frage ihn, wie er das gemacht hat: „You need connections and power“. Ich möchte nicht wissen, was Power in Nepal bedeutet. Im Hotel gibt es Tee und Dal Bhat und die Stimmung im Speisesaal ist gut, was aber mehr an der japanischen und holländischen Gruppe liegt, die ihren Trek erfolgreich beendet haben.

Nur mit unseren Klamotten am Leib legen wir uns auf Matratzen mit Rosenmuster und decken uns zu. „Luggage comes tomorrow, no problem“, meinte Pemba. Die Schlafsäcke sind in Kathmandu, wo es 25 Grad hat, hier im Zimmer hat es max. 5. Klaus findet es gut und mir ist es in diesem Moment fast egal. Morgen geht es nach Phakding.