Weil die Frage kommt

Der letzte Abend in Kathmandu, die letzten Mo:Mo‘s geteilt und das letzte Stückchen Chillichicken mit einem Schluck Nepal Ice Bier hinuntergespült. Eine letzte Dusche, um danach die letzten Klamotten zu verpacken, bevor wir morgen nach Deutschland zurückkehren. 

Wie war‘s? Nun, zuallererst war es eine Reise mit einem sehr guten Freund. Bis auf die Unterwäsche und zwei, drei Meinungen haben wir alles brüderlich miteinander geteilt, am Ende gar die Erkältung und die Mode für die daheimgebliebenen Frauen. Ich sage an dieser Stelle einfach: Danke, Klaus!

Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle auch an Ines, Bijay, Mane und Pemba von Nepal Himalaya Reisen. Wir waren bei Euch in den besten Händen! Wir mussten uns auf dem Trek nur um uns kümmern, weil ihr im Hintergrund alles geplant und organisiert habt. Es konnte nicht besser sein. Dhanyabad!

Nepal ist ein tolles Land und deshalb ist die ganze Welt zu Besuch. Die internationalen Kontakte habe ich genossen, egal ob lang oder kurz. Brasilien, Indien, Malaysia, Polen, Slowakei, Schottland, Litauen, USA, Neuseeland, Holland, Frankreich, Israel usw. Es gab immer etwas zu erzählen und obwohl oft über dasselbe geredet wurde, war es immer anders. Nur schön oder beeindruckend oder lecker oder kalt war es immer.

Der Besuch der Chepangschule war etwas ganz besonders. Ein gutes Dutzend Leiter und Lehrer kümmern sich um fast 250 benachteiligte Kinder, die ohne diese Schule keine Ausbildung bekämen. Der Idealismus, mit der diese Aufgabe bewältigt wird, scheint grenzenlos. Klaus und ich wurden über das Wochenende unglaublich freundlich aufgenommen und beherbergt und wir hoffen, dass wir durch unseren Besuch und die nachfolgenden Präsentationen die Solidarität und die Verbundenheit zur Navodayaschule weiter fördern und festigen. In einem Nebensatz sei noch erwähnt, dass wir in drei Wochen Nepal nirgends so abwechslungsreich und köstlich gegessen haben wie in der Chepangschule (und ich weiß, dass ich gestern die Küche Kathmandus in den höchsten Tönen gelobt habe).

Bleibt noch das Trekking. Ich habe sehr viel Zeit und Geld in die Ausrüstung investiert und jede Minute und jeder Euro hat sich bezahlt gemacht. Ich habe nichts vermisst und nichts umsonst mitgenommen, es war schlicht perfekt. Merino heißt das Zauberwort auf langen Treks!

Zehn Tage sind Klaus und ich durch die Khumburegion gelaufen. Im Vergleich zu den meisten anderen, haben wir aber eine leichte Tour absolviert, die mir dennoch an manchen Tagen alles abverlangt hat. Die Wahl der Tour war für mich genau richtig, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Treks an das Everest Base Camp, über die „Drei Pässe“ oder gar auf den Island Peak für mich nicht in Frage kommen. Ich wäre auch nicht bereit, mich über einen Zeitraum von zwei, drei Wochen von Lodge zu Lodge zu schleppen. Die Blicke in den Himalaya sind zwar einzigartig, aber sie haben ihren Preis.

Bleibt also die Frage nach einer Wiederholung. Ich habe hier Menschen kennengelernt oder von Menschen gehört, die zum vierten Mal in Nepal waren, die vier Wochen unterwegs waren, die unbedingt wieder kommen wollen, die erst letztes Jahr hier waren oder die für nächstes Jahr schon wieder gebucht haben. Diese Sehnsucht, die Berge immer wieder neu erleben und erwandern zu müssen, hat sich bei mir nicht eingestellt. Das Panorama um den Mt. Everest hat sich für immer in meine Großhirnrinde eingebrannt, aber damit ist es jetzt auch gut, sogar sehr gut. 

Ich habe einen Teil Nepals erlebt und dafür bin ich einfach dankbar. Ich würde diese Reise immer wieder machen wollen, doch nun, wo sie zu Ende ist, werde ich sie nicht nochmal machen. Obwohl ich jetzt die Brücken kann. Namaste!

Gelassenheit und ein Schuss Nepali-Mentalität

Für Klaus poste ich noch einmal seinen Beitrag aus Nepal:

Mein Fazit der Reise

Das Ende unserer Nepal-Reise naht, morgen ist Rückflug. Grund und Gelegenheit auch für mich, ein Abschlussfazit zu ziehen.

Wenn Reisen für mich ein Ziel haben, dann ist es – das Reisen. In diesem Fall das gemeinsame Reisen und Unterwegssein. Ich wollte mit Michele gemeinsam diese Reise beginnen, durchleben und beenden. Ich wollte mit ihm die Beobachtungen und Erlebnisse teilen und z.B. gemeinsame Blickwinkel auf vermeintlich grandiose Bergwelten richten. Ich wollte verschiedene Blickwinkel, Eigenheiten und Stimmungslagen erfahren und aushalten und wollte nach so vielen Jahren im hektischen Dauer-Erledigungsmodus eindlich wieder Zeit haben. Schließlich wollte ich mit Michele aus Anlass dieser Reise auch unsere Solidarität mit der Chepang-Schule ausdrücken.

Ob diese Ziele umgesetzt oder erreicht wurden, lässt sich teilweise nicht an einem einzigen Ereignis oder einer einzelnen Wegmarke festmachen. Deshalb will ich es so ausdrücken: Alle Ziele sind eingetreten. Wir konnten einen gemeinsamen Blick auf die höchsten Gipfel der Erde richten. Wenn man einen Blick teilen kann, wird er dadurch doppelt bedeutsam und wertvoll. Wobei mich im Unterschied zu Michele noch mehr als der weiter entfernt liegende Mt. Everest die unmittelbar vor uns aufragenden, zum Teil völlig unbekannten 6.000er fasziniert haben.

Wir haben unterschiedliche Lauftempi bewältigt, teilweise unterschiedliche Motivationszustände gegenseitig kompensiert, sind selbstverständlich gemeinsam umgedreht als es nicht mehr weiterging, und haben uns auf alles eingelassen, was Land und Leute für uns bereit hielten.
Zum Beispiel die kulinarischen Angebote, wobei das die leichteste Übung war, weil es einfach grandios schmeckte. Ich für mich habe gelernt, dass man auch das vermeintlich Unmögliche, wie etwa die Verhältnisse im hiesigen Staßenverkehr, am Besten bewältigt wie alles hier: durch Gelassenheit.

Dass bei uns beiden die Erkältungen jeweils dann kamen, als die Motivation am Boden war, bei Michele in Khumjung in den Bergen und bei mir am Ende in Kathmandu, ist auch ein besonderes Lehrstück über die Kraft und den Einfluss der mentalen Stärke auf die Gesundheit. Für mich waren’s am Ende von den 3,5 Tagen mindestens 2 Tage zuviel in Kathmandu. Nach den Bergen nochmals in den Moloch dieser Stadt, in ihren Dreck und Gestank einzutauchen, hätt’s für mich nicht gebraucht.
Aber das soll den positiven Gesamteindruck nicht trüben! Auch das schöne Hotel hat hier viel aufgefangen.

In der Chepang-Schule habe ich es als besonders wichtig empfunden, dass nach 10 Jahren Spendenarbeit einmal Vertreter unserer Kirchengemeinde, so wie wir zwei als Kirchengemeinderäte, vor Ort sind und durch ihre Anwesenheit und ihr Interesse eine Solidarität vermitteln, die sich durch kein Geld dieser Welt erkaufen lässt. Diese Schule ist so wichtig für die benachteiligten Chepang-Kinder und muss unbedingt weiter gefördert werden!

Insgesamt haben ein breites Spektrum an Reiseerfahrungen und -erlebnissen, sowieso das gemeinsame Reisen mit Michele, diese Reise zu etwas Besonderem, Unvergesslichem gemacht. Danke darf ich an dieser Stelle auch Gaby, meiner lieben Ehefrau, sagen, die mir diese Reise dadurch erst ermöglich hat, dass sie zuhause in unserer kleinen Großfamilie die Stellung gehalten und mir den Rücken freigehalten hat. Der gemeinsame Tanzkurs, den sie mir als Ausgleich abgerungen hat, ist da leicht zu machen.

So fliege ich morgen also insgesamt zufrieden zurück. Ein leicht ungutes Gefühl habe ich vor dem anstehenden Dauer-Erledigungsmodus der nächsten Monate, aber: mit Gelassenheit und einem Schuss nepalesischer „no problem“-Mentalität sollte das – wie so vieles in meinem Leben – zu schaffen sein.

Kathmandu

Bei Ankunft Kathmandu, nach dem Besuch der Chepangschule Kathmandu und jetzt nach dem Trek wieder Kathmandu. Das Hotel Moonlight ist eine Oase der Ruhe mitten im größten Chaos der Stadt und ein idealer Ausgangspunkt für die Sightseeingtouren. Wenn man sich denn hinaustraut.

Kathmandu hat eine Million Einwohner, der Ballungsraum um die 2,5 Millionen und gefühlt treffen sich alle in der Mitte, in Thamel. Die Stadt ist chaotisch, sie ist dreckig, sie wirkt an allen Ecken irgendwie unfertig und sie ist laut. Mehr als einmal habe ich gehört, wie Touristen (vorzugsweise deutsche Damen) sich negativ über die Stadt geäußert haben. Eine Zumutung, überall Staub und Dreck, der Verkehr eine Katastrophe usw. usw. Sie haben nicht einmal unrecht.

Ich mag Kathmandu und ich habe diese Meinung auch entgegen der üblichen Touristenmeinung vertreten. Chaos und Dreck stören mich nicht, die hupenden Roller und Taxen gehören genauso zum Stadt- bzw. Klangbild wie die kläffenden Hunde nachts. Wenn man die offensichtlichen Fehler im System ausblendet, bleibt eine sehr sichere und freundliche Stadt mit internationalem Format. Ich wurde nicht bedroht, beklaut oder bedrängt, irgendwas zu kaufen. In wenigen Großstädten habe ich mich selbst in den engsten Gassen so unbeschwert bewegt oder bin außerhalb des Zentrums alleine auf Tempeltour gewesen wie in Kathmandu. Der Dienstleistungsgedanke gilt für Cafes, Restaurants und Läden gleichermaßen und wer sich wie ich, wenn auch mit etwas Anlauf, auf das Handeln und Feilschen einlässt, hat eine Menge Spaß. Der nervige Flöten- oder Tigerbalmverkäufer fällt da nicht mehr ins Gewicht.

Wir haben eine gute Hand voll Restaurants ausprobiert und haben für 1,86 Euro oder auch mal für 7 Euro gegessen…und zwar hervorragend. Die Qualität an nepalesischem oder indischem Essen ist schlicht überragend und wem bei den offenen Metzgereien am staubigen Straßenrand die Lust auf Fleisch vergeht, der ist bei den vegetarischen Gerichten bestens aufgehoben. Die Stadt bietet eine grandiose Auswahl für alle Geschmacksrichtungen und jeden Geldbeutel.

Die zahlreichen Heiligtümer innerhalb der Stadt gehören seit 1979 zum Weltkulturerbe und sind allesamt einen Besuch wert. Der Durbar Square ist in zwanzig Minuten zu erreichen, wenn man sich vom Chaos auf dem Paknajol nicht abschrecken lässt, sondern sich als Fußgänger einfach in den Verkehrsfluß einreiht. Vom Hotel Moonlight läßt sich Swayambhunath in dreißig Minuten erlaufen, was neue Einblicke in die Stadt erlaubt. Für 4 Euro fährt das Taxi vom Hotel aus nach Bodnath und von dort kommt man in einer halben Stunde durch eine nach nepalesischen Maßstäben bevorzugte Wohngegend nach Pashupatinath. Während die buddhistischen Heiligtümer Swayambhunath und Bodnath zu den eher ruhigen Sehenswürdigkeiten gehören (wenn man vom Affenzirkus in Swayambhunath mal absieht), ist in Pashupatinath deutlich mehr geboten. Wer das Glück hat, sich von einem Führer wie Kormar für einen guten Fünfer durch Pashupatinath leiten zu lassen, erhält Einblicke in den Hinduismus, die man allein niemals bekommen hätte. Die Zeremonie der Totenverbrennung in aller Öffentlichkeit ist wahrlich etwas Besonderes.

Für mich waren der Besuch der Chepangschule und die Aussicht auf die Achttausender wie den Mt. Everest die Hauptgründe für die Reise nach Nepal. Jetzt, wo die Reise zu Ende geht, ist vielleicht Kathmandu der heimliche Gewinner.

Steil Bergauf

Die Tage 15, 16 und 17 verbringen unsere Männer mit dem Abstieg aus dem Himalaya. Die Stimmung steigt – steil bergauf mit sinkenden Höhenmetern. Stück für Stück zurück in komfortablere Unterkünfte, Schritt für Schritt zurück in wohlbekannte Gefilde, genießen sie auch, den ein oder anderen Angstgegner hinter sich gelassen zu haben. Über Namche Bazar, Jorsalle, Phakding, zurück nach Lukla!

Unterwegs bleibt nun endlich auch einmal Zeit, die Sonne zu genießen und Land und Leute kennenzulernen.

Tag 18, es ist Zeit den Rückflug von Lukla nach Kathmandu anzutreten. Bei bestem Flugwetter geht es allerdings nach Ramechhap, eine Tagesreise von Kathmandu entfernt. Die vielen Reisenden bringen die Kapazitäten am Flughafen dort an die Grenzen, und die Reisenden müssen umgeleitet werden.

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Mit dem Bus kommen sie von Ramechhap weiter. Die Freude auf eine Dusche im Hotel in Kathmandu ist groß, bei knapp 30 Grad kleben die Bergklamotten auf der Haut.

Dafür beginnt jetzt der angenehme Teil der Reise: Sightseeing, Shopping and some more Dolce Vita. Lasst, es euch schmecken, Jungs 🙂

 

 

Pemba Sherpa Zitat

Wir sind wieder in Namche Bazar und sind in der Himalayan Lodge untergekommen. Unser Zimmer ist schön und der Panoramablick auf die Stadt steckt die Amalfiküste in die Tasche (behaupte ich jetzt einfach mal). Wir warten im sehr schönen Speisesaal auf unser Abendessen.

Ich frage Pemba, ob er schon einen Schlafplatz hat. Ja, unten, im Viererzimmer für die Guides. Die Himalayan Lodge kümmert sich. Beim ersten Stop in Namche schlief er im Hotel Tibet mit 20 anderen Guides unter‘m Dach. Das war laut, aber in der Khumburegion gibt zumindest immer Platz zum Schlafen. 

Ich frage ihn, wo es denn schwierig sei. In Tibet, antwortet er. Kein Platz im Zelt, keine Erlaubnis im Küchenzelt zu schlafen, manchmal bliebe nur der kalte LKW. Aber er brauche nur ein Kissen und eine Decke. Dann erzählt er, was er zuletzt seiner Frau aus Tibet getextet hat:

„I‘m hugging my pillow and dream of you and when I‘m home again I‘m hugging you and dream of my pillow“.

Es ist für Europäer schwer nachvollziehbar, dass die Freiheit des Reisens und die Sehnsucht nach den Bergen den gleichen Stellenwert hat wie die eigene Ehefrau. Aber wir heißen ja nicht Sherpa.

Sage Nein!

Hören Sie auch die SWR1 Hitparade? Gerade heute morgen: Platz 292 – Sage Nein! von Konstantin Wecker. Dieses Lied hat mich nicht nur heute morgen wach gerüttelt, nein, auch schon das ein oder andere mal aus einem dösenden Halbschlaf zu später Stunde beim Liedermacher-Festival auf dem Klosterwiesle in Banz. (Kennen Sie nicht? Dann sind Sie kein Lehrer und nicht über 50. 😀 Schauen Sie hier: https://www.lieder-auf-banz.de/#1)

„Nein sagen“ heißt ja nicht immer, nicht weitergehen zu wollen. Manchmal heißt es nur, die Richtung zu ändern. Die Richtung ändern auf einen anderen Weg, denn man mit sich vereinbaren kann. Wie bei unseren Männern in Nepal. Es ist Tag 13.

In früher Morgenstunde sind sie mit Aufbruchstimmung in den Tag gestartet. Der Wille, das letzte Stück nach Dengboche zu schaffen, ungebrochen. Entbehrung und Erkältung zum Trotz. Doch dann der Zwitscher-Funk aus Nepal: Es geht nicht. Es geht nicht weiter, nicht in diese Richtung. Nicht nach Dengboche.

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Uns Daheimgebliebenen fällt ein kleines Himalaya-Steinchen vom Herzen…schon seit Tagen war es aus mancher Ecke erstaunlich ruhig. Zu ruhig, um nicht hellhörig zu werden – als geübte beste Ehefrau der Welt.

Dann die Verkündung der Planänderung: lieber geordneter Rückzug und noch ein bisschen Himalaya-Luft schnuppern, statt gegen den Körper und die Vernunft weiterzumachen. In diesem Gebirge ist auf „Risiko fahren“ keine gute Idee.

Und siehe da: die Stimmung steigt, das Lächeln kehrt zurück. Zur Stärkung von Körper und Geist gönnen sie sich etwas Aufbauendes und schicken einen erleichterten Gruß in die Heimat! Wir sind es auch, Jungs! Keep on walking!

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Phunki Thenga 24.10.18

Die Nacht in der Trekkers Lodge in Tengboche war recht ordentlich. Die Erkältung ist noch da, aber im Gemeinschaftsraum brennt schon oder noch ein Feuer im Ofen, so dass der Kälteschock nicht gleich beim Frühstück kommt.

Wir verlassen Tengboche bei minus 4 Grad in Richtung Dingboche, eine Tagestour um die fünf Stunden. Was genau es in Dingboche gibt weiß ich nicht, aber ich will es zumindest probieren. Die ersten 30 Minuten geht es abwärts nach Deboche, ein Ausweichquartier für Tengboche. Ich merke, dass mir jeder Schritt schwer fällt. Ich schnaufe bis in die letzte Bronchie, aber der Sauerstoff erreicht die Oberschenkel nicht. Nach einer Stunde sage ich „Nein, es geht nicht“. Ich entschuldige mich, dass wir die letzte Etappe streichen müssen und dass wir die 4.000m-Grenze nicht erreichen. Klaus hat kein Problem damit und zeigt Verständnis. Pemba ist gleich am Telefon und organisiert, storniert und bucht neu. Wie immer auf der Tour ist „the room not confirmed yet“, aber am Ende schlafen wir alle in einem Bett und jeder für sich.

Wir kehren um nach Tengboche und der Anstieg kostet mich die letzten Körner. Vor dem Tengboche Guest House setzen wir uns in die Sonne und die Berge strahlen um die Wette. Gefühlt habe ich zum ersten Mal Gelegenheit, das Panorama bewusst zu genießen. Nicht im Gehen, auf dem Rückweg oder nach 12 Uhr schon von Wolken verhangen, sondern bei schönstem Sonnenschein vor blauem Himmel. Wir trinken Tee und zählen Taboche, Nuptse, Everest, Lhola, Lhotse, Lhotse Shar, Ama Dablam, Kantega und Thamserku…und wieder zurück. Und nochmal von vorn. Es ist herrlich. Wir kommen mit zwei Schottinnen ins Gespräch, denen das Spektakel so gefällt wie uns. Auch sie sind eher gemäßigt unterwegs und freuen sich jetzt auf das Mani Rimdu. Der Bruder eines Freundes ist hier Mönch und so bekommen sie zu diesem Fest noch buddhistische Hintergründe im Livebetrieb.

Um kurz vor 13 Uhr suchen wir uns Plätze im Innenhof des Klosters und bezahlen brav 3,50 Euro. Um Eins soll es losgehen, aber auch hier gilt Nepalizeit und daher nehmen die beiden Bläsermönche erst um 13.40 Uhr Platz. Vier Trommelmönche besetzen die Ecken des Innenhofes und auf der Treppe erscheinen zwei Mönche mit gewölbten Becken. Einer macht ein Scheppergeräusch, der andere macht nach. Aus den Ecken kommt unvermittelt ein Paukenschlag, dem drei weitere Folgen. Synchron ist das nicht. Der Mönch am unteren Ende der Treppe ist fertig, der obere Mönch geht nach unten und aus der Gebetshalle kommt ein neuer Mönch. Vormachen, nachmachen, Paukenschlag, Paukenschläge. Insgesamt acht Mal. Ich sitze in der prallen Sonne, weil mir die anderen Plätze des Klosters zu kalt waren. Als ich wieder aufwache, stehen acht Mönche im Kreis und tanzen auf einem Bein mit ausgestreckten Armen. Die Bläsermönche blasen zeitgleich hoch-tief und die acht Mönche drehen sich weiter. Mir erschließt sich die Zeremonie nicht, es wirkt etwas wie musikalische Früherziehung. Im Wegnicken klopft mir Pemba auf die Schulter „We go“. Ich widerspreche nicht. „How did you like Puja?“. „Definitely something different“.

Weil Tengboche komplett ausgebucht ist, müssen wir runter bis an die Brücke über den Dudh Kosi. Das dauert nur eine gute Stunde, dann sind wir in Phunki Thenga in der Zembala Lodge. Das Zimmer wirkt einladend, auf der Bettwäsche steht „The Magic of Love“. Der Gemeinschaftsraum ist mäßig warm und fest in deutscher Hand. Während Gespräche mit Trekkern aus anderen Ländern immer unterhaltsam sind und leicht von den Lippen gehen, sind Gespräche mit Landsleuten immer zäh. Dem Paar aus Nürnberg geht das Du nicht über die Lippen und zur Reisegruppe, die auf dem Renjo La Pass war, finden wir keinen Draht. So gehen um 20.30 Uhr die Lichter aus.

Morgen geht es zurück nach Namche Bazar.

Kein Zuckerschlecken…

Tag 9 – 12:

Nach den ersten euphorischen Tagen in Nepal kommt nun doch der anstrengende Teil…und der Aufstieg ist kein Pappenstiel. Höhenangst? Bitte vor der Brücke ablegen.

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Die dünner werdende Luft, die körperliche Anstrengung und die einfachen Unterkünfte zehren an den Kräften.

Auch wenn man bei den ganzen Strapazen manchmal die Wand vor lauter anderen Sachen nicht mehr sieht: die Aussicht auf den Mount Everest ist ein einzigartiges Erlebnis, das all‘ die Mühe wert ist.

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Heute haben sie mit großer Anstrengung Tengboche erreicht. Die letzten Tage Wanderung haben schon ihren Tribut gezollt.

Doch was eine Tasse Kaffee alles bewirken kann! Kräfte sammeln und mobilisieren für den Tagesmarsch zum Ziel. Morgen geht es auf 4.400m nach Dingboche!

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Hüttenabend auf Nepali 23.10.18

Wir sitzen im berühmten Tengboche auf 3.875m. Von Khumjung haben wir knapp 5 Stunden gebraucht. Ein klassischer Nepali Triathlon – runter, rüber (Brücke!), rauf. Fast drei Stunden auf einem staubigen Trail nach oben…und oben bereits Wolken. Keine Sicht, kein Panorama. Nepal done the hard way.

Tengboche hat das berühmteste Kloster in der Khumburegion und ist einer der Hauptorte auf dem Weg ans Everest Base Camp (EBC). Der Flecken ist brechend voll. Klar, Hochsaison und ab morgen ist auch noch das größte buddhistische Fest der Sherpas „Mani Rimdu“ im Kloster.

Wir sind in der Trekkers Lodge untergekommen, wo Zelte davor stehen und ein Spiegel mit Rasierklingen am Baum hängt, damit sich wer auch immer dort richten kann. Zelte stehen auch vor dem Tengboche Guest House. Es gibt keine Zimmer mehr.

Der Gemeinschaftsraum der Trekkers Lodge ist voll und zur Abwechslung mal früh beheizt. Kein Wunder, der eiskalte Wind bläst laut Pemba den Schnee von den Bergen in den Ort, man meint es schneit. Gutes Wetter gibt es dieses Jahr nur von 7-12 Uhr, danach ist wolkig. Klaus sitzt neben mir und macht sich Notizen, er wirkt zufrieden. Die Trekkers Lodge ist ein architektonischer Alptraum, unser Zimmer liegt hinter dem Lager und die Toilette ist ein Grund, sich für immer eine Darmverschlingung zu wünschen. 

Zwölf Japaner sitzen neben uns, gegenüber vier Neuseeländer, die mit ihrem Guide die Tour besprechen. Das Paar aus Litauen gönnt sich für 500 Rupien eine Hot Shower. Respekt, danach frierst Du erst mal wie ein Schneider. Ein Franzose sitzt bei den Japanern. Er hat das Zimmer ohne Fenster, wenn er die Türe aufmacht, verstellt er den Flur und kommen wir nicht in den Gemeinschaftsraum.

Das Mädchen der Besitzer füttert den Ofen mit Holz und stellt oben immer Töpfe mit Wasser auf. Kochendes Wasser ist eine der Hauptwährungen im Khumbu, 2 Liter kosten um die 3 Euro. Doch wer möchte auf Tee oder die warme Nalgeneflasche im Schlafsack verzichten, die die ersten Kalteschockmomente mindert? Der Chef der Lodge telefoniert meist wichtig und lauthals und schreibt simultan in sieben Kladden, die vor ihm liegen. Die Hütte brummt.

Knoblauchgeruch kommt hinter uns aus der Küche und mischt sich mit dem Qualm der Räucherstäbchen, die auf der Theke vor sich hin kokeln. Ein Hauch von Hüttenzauber. Um 18.30h gibt es Essen. Angekündigt wird es jeden Abend mit einem Hot Towel, das es so nur im Flieger gibt. Litauen, Deutschland, Japan, Neuseeland ist die Reihenfolge beim Essen. Der Amerikaner aus Washington State, den es in Lobuche auf 5.000m mit der Höhenkrankheit erwischt hat, sitzt noch leicht lethargisch neben mir. Er wäre jetzt auf Diamox, alle 12 Stunden, und freue sich jetzt auf Mani Rimdu. Dann zurück nach Namche. So erzählt man sich die Treks. Drei Pässe für Neuseeland, das EBC für Litauen, da waren die Japaner schon. Um 20.00h kehrt Ruhe ein und alle Trekker machen sich bettfertig. Auf den Bänken im Gemeinschaftssaal werden Decken ausgebreitet, denn die Guides müssen auch wo schlafen. Ein Bild für Götter, als ich mir um 20.15h die Zähne putze und daran vorbei muss.

Wir wollen morgen nach Dingboche, aber meine Erkältung macht mir einen Strich durch die Rechnung.

Zwei Freunde – zwei Blickwinkel

Dieses Jahr ist es im Khumbu für einen Oktober ungewöhnlich kalt. Das lässt sich morgens nach Sonnenaufgang in Thame auf 3.900m auf dem Weg vom Schlafsack zur Morgentoilette unmittelbar bestätigen. Gütiger, ist das kalt! Zähneputzen bei gefrorenem Wasser geht nur mit Trinkwasser aus der Vorratsflasche, der Rest an Schmalspur-Körperpflege wird mit feuchten Waschtüchern aus der Verschlusspackung erledigt.

Nach dem Frühstück steigen wir entlang des mächtigen Bergmassivs von 6000ern, aus deren Mitte der Thamserku herausragt, in Richtung Namche Bazar ab. Im Vorbeigehen in Thamo lauschen wir erstmals den Klängen, Tönen und Gesängen einer „puja“, der Gebetszeremonie buddhistischer Mönche, aus einem häuslichen Gebetsraum heraus. Es erklingen keine Lieder im europäischen Kirchenstil, sondern ein tonal gleichförmiges Gebetsgemurmel mit animalisch anmutender Instrumentaluntermalung aus Muscheln, Becken und Rohren. Der Rest des Morgens ist schnell erzählt: rauf, immer bergauf. Zur Lunchzeit erreichen wir Syangboche, eine kleine Hochebene auf 3.700m, auf der sich ein 400m langes unbefestigtes Flugfeld befindet. 1995 hatte ein privates Unternehmen begonnen, den „Syangboche Airstrip“ zu bauen und mit einmotorigen Flugzeugen für Trekker und Expeditionen anzufliegen. Nach massivem Protest von Einheimischen, die um ihre Existenz fürchteten, wurde der Flugbetrieb 1996 von der nepalesischen Regierung wieder verboten. Die Szene dieses seit 20 Jahren verlassenen Flugplatzes in dieser unwirtlichen Gegend wirkt gespenstisch.

Nach einer weiteren Stunde Wegstrecke erreichen wir Khumjung. Für den Nachmittag steht der Besuch des Klosters auf dem Reiseprogramm, und dass man von einem der örtlichen Hügel aus den Sonnenuntergang genießen könne. Letzteres fällt mangels Sonnenschein aus, es ist nebelig und nasskalt. Es bleibt der Besuch des zweitgrößten Klosters der Khumbu-Region mit einer darin ausgestellten Attraktion. In der Mitte des Gebetsraums ist in einem Glasschrein der angebliche Skalp eines Yeti ausgestellt. Internationale Zoologische Untersuchungen haben zwar keine Hinweise auf eine bislang unbekannte Primatenart erbracht, aber die Menschen glauben an dessen Existenz. Und die Mönche nutzen den Skalp auch in Zeremonien und weisen ihm eine religiöse Bedeutung zu.

Der Rest des Tages könnte im Besonderen mit der Überschrift „Zwei Freunde – zwei Blickwinkel“ unschrieben werden. Michele leidet unter der körperlichen, auch erkältungsbedingten Belastung, nachlassender Motivation, der Dauerkälte und den immer weiter sinkenden Zivilisationsstandards. Ich dagegen genieße einen weiteren Nachmittag des erzwungenen Nichtstuns. Dass niemand etwas von mir will und dass ich ohne inneren oder äußeren Rechtfertigungsdruck einen Nachmittag einfach so liegend und an die Decke starrend oder mit geschlossenen Augen in meinem Schlafsack zubringen kann.

Unterschiedliche Wahrnehmungen dieser Art begleiten uns bei dieser Reise nicht nur an diesem Montag.