Auf dem Weg nach Nepal – Blog

Körper und Geist…#MECS2018

Gemeinsam mit Tina, Irmi und Fe bin ich zu einer Wanderung ins Kleinwalsertal aufgebrochen, um mich körperlich und mental auf Nepal vorzubereiten. Schließlich sind es morgen nur noch sieben Wochen, bis der Flieger gen Kathmandu abhebt.

MahdtalFe suchte uns daher eine Tour aus, die in der Theorie bis auf den Hohen Ifen hätte gehen können. Ein markanter Plateauberg mit gut 2.300m Höhe, der in Nepal wohl nicht einmal die Bezeichnung Hügel verdienen würde. Ausgangspunkt war auf 1.100m, der höchste Punkt auf dem Weg zum Gottesacker die Gottesackerscharte auf 1.967m.

Durch das Mahdtal geht es ab 9.30 Uhr stetig bergauf, am 70m tiefen und über 10km langen Höllloch vorbei zur Mahdtalalpe. Die Gottesackerwände türmen sich imposant auf und es gibt nichts, was Schatten spendet. Am Windecksattel nach 3 Stunden dann die erste Rast im Schatten des Torkopfes. Nach 30 Minuten geht es weiter und beim Wandern über das Hochmoor kommt langsam die Gottesackerscharte ins Blickfeld. Dahinter liegt der Gottesacker und an dessen Ende der Hohe Ifen. Die letzten gut 100 Höhenmeter zehren an den Kräften, aber schließlich bin auch ich oben und der Blick über die Karstebene Gottesacker ist beeindruckend. HochmoorWährend Fe schon nach dem Weg über den Gottesacker sucht, setze ich mich und witzele mit den anderen, die dort ebenfalls verschnaufen. „Wieso kommt man in den Bergen leichter ins Gepräch?“, fragt eine Wanderin. „Weil die Zahl der Arschlöcher über 2.000m rapide abnimmt“, antwortet ein Mann. Geistvoller hätte ich es nicht ausdrücken können.

Was folgt ist eine Wanderkletterei über die Karstfelsen des Gottesackers, die die beste Ehefrau der Welt schlicht „unkommod“ nennt. Rechts liegt Deutschland, links Österreich. Nach einer Stunde Grenzwanderung stehen wir an der verfallenen Gottesackeralpe. Es ist kurz nach 14 Uhr. In gut zwei Stunden fährt die letzte Ifenbahn nach unten und das Gipfelkreuz des Hohen Ifen leuchtet in der Sonne… bleibt aber heute unberührt. Wir entscheiden uns für den Abstieg durch das Kurental. Eine Stunde Geröllschlucht und etwas mehr noch durch den Wald bis wir gegen 16.30 Uhr joggend den Bus noch schaffen, der uns etwas näher an den Ausgangspunkt bringt, den wir schließlich um 17.15 Uhr erreichen.

Gottesacker_Hoher IfenDie Hüttenwirtin kredenzt Bier und Radler, die nach knapp acht Stunden in den Bergen, 900 Höhenmetern hoch und wieder runter und rund 13km Strecke in gefühlt 40 Sekunden „verdampfen“. Körper und Geist machen mit, auch wenn beim Abstieg der Spaßfaktor zu kurz kam. Die vorhandene Ausrüstung erledigte die Wanderung zuverlässig, das ermutigt für Nepal. Länger als acht Stunden wird in Nepal nicht gewandert und wie sich gut drei Stunden bergauf anfühlen, die wir nach Namche Bazaar auch benötigen, weiß ich jetzt (natürlich ohne den Höheneffekt im Himalaya, klar). Ich habe im Kleinwalsertal eindrucksvoll bewiesen wie man langsam wandert. Ideale Voraussetzungen also, um mich auf den Etappen im Khumbu wandernd zu akklimatisieren.

HerzAm Geist muss ich noch arbeiten. Ich freue mich zwar auf das stetige Wandern ohne an etwas denken zu müssen, aber dennoch muss der Geist so wachsam und achtsam bleiben, dass ich besondere Bilder oder Momente auch wahrnehme und einfange. Das letzte Bild habe ich in der Kurenschlucht nicht wahrgenommen (aber sicher nur, weil die beste Ehefrau der Welt mich elegant daran vorbeigelotst hat). Sie hat es aber für mich aufgenommen und hat es mir geschickt! Ich revanchiere mich in Nepal…#MECS2018

Schatzsuche

Endlich Ferien! Die jugendlichen Mitbewohner in unserem Haushalt erfahren vom Jahrhundertsommer mit Rekord-Temperaturen aus ihrer Wetter-App (Rolladen hoch machen wäre zu anstrengend) und an den lauen Sommerabenden bleibt freie Zeit für Grillabend, Freunde, draußen sitzen… oder was immer uns sonst noch einfällt, einfach so – an einem Mittwoch abend.

Der Blick auf den Kalender erinnert mich daran…noch 63 Tage bis Abflug. NUR noch! Die Vorbereitungen der Männer laufen auf Hochtouren: die Tollwut-Impfung haben sie prächtig überstanden, die neue Schlafsäcke warten auf den ersten Einsatz, Merino-Unterhosen, Kopfbedeckungen und Socken wurden probegetragen. #Läuft.

Wie läuft es bei mir – bin ich auch gut vorbereitet? Kann ich die restlichen knapp 60 Tage noch für sinnvolle Vorbereitungen nutzen – für 3 Wochen ohne Mann? Ich frage mich: was kann passieren „ohne“?

Super-Gau Stufe 1: zum Abendessen kein Brot da. Oder Stufe 2: Abfluss verstopft. Oder Stufe 3: eine unverhoffte Rechnung! Spülmaschine, Wäsche, Autopanne, Kinder…für alles finde ich schon mal gedanklich Lösungen oder jemanden, der mir weiterhelfen kann, so dass ich guter Dinge bin: der Allein-Alltag mit den Kindern wird klappen.

Doch was ist mit diesen ganz kleinen Momenten, die wir so selbstverständlich jeden Tag miteinander konsumieren? Die Augenblicke, bei denen wir uns ohne Worte verstehen und wenn nur ein Blick ausreicht, um einen gemeinsamen Gedanken zu teilen oder das selbe Gefühl zu empfinden? Oder über das Gleiche genauso herzhaft lachen zu können? Ein Geschenk! Es wird mir fehlen, die eigene Sprache zu teilen, die wir miteinander gefunden haben, und uns unsere Verbundenheit in kleinen Geheimbotschaften jeden Tag spüren lässt. Es wird mir fehlen, mich bedingungslos anlehnen können, wenn alles um mich herum still geworden ist.

Small gold nuggets in an antique measuring

Ich nehme mir fest vor, an jedem dieser restlichen 63 Tage einen dieser kleinen Glücksmomente einzufangen und zu bewahren – (m)ein Schatz für schatzlose Zeiten.

Noch 63 Tage bis Abflug…

Ramro sanga khaanus – oder Currywurst in der Kantine

Sie: „Ah, Du gehst nach Nepal? Cool. Ralf war auch in Nepal“. Ich: „Welcher Ralf?“ Sie: „Ralf aus der IT. Ein Sabbatical hat er gemacht, ein Dorf mit Computern unterstützt oder so ähnlich“.

Ich kenne keinen Ralf aus der IT und das firmeninterne Telefonverzeichnis spuckt mehr als einen Ralf aus. Ich schreibe ein kleines Post-it und lege es auf die Seite. Ein paar Tage später bringt das Intranet seine Geschichte als Blogbeitrag. Die Firma hilft seit 200 Jahren, er hilft seit ein paar Jahren in Nepal und mir ist damit auch geholfen. Da ist Ralf. Ich kenne ihn nicht, habe ihn nie gesehen, aber ein paar Wochen später kommt er mir auf dem Flur entgegen. Ich erzähle ihm von unserer Reise und er drückt mir ein Exemplar des aktuellen Magazins GoForMore in die Hand, für welches er einen Artikel über sein Sabbatjahr geschrieben hat. Wir verabreden uns für eine gemeinsame Pause in der Kantine.

An diesem Tag gibt es keinen Reis, sondern Currywurst mit Pommes. Ich frage Ralf nach seinen Gründen für Nepal und er spannt einen Bogen von Sierra Leone, Klosteraufenthalt, einer Wohltätigkeits-organisation in Österreich hin zu „seinem“ Dorf in der Ghorka-Region, wo er eine Schule mit ausgemusterten Rechnern versorgt und Lehrern und Schülern den Umgang mit Computern zeigt. „Alte Gewohnheiten über Bord werfen“ und „neue Erfahrungen mit Religion und Spiritualität machen, die nicht christlich geprägt sind“ waren seine Beweggründe. Ja, das ist gut nachvollziehbar. „Natürlich ist die Natur einzigartig“ und auch er war schon im Annapurnagebiet und in der Khumburegion trekken. Definitiv eine schöne, imposante Kulisse hätten wir uns da für unseren Trek rausgesucht, „obwohl mir das Annapurnagebiet fast noch besser gefallen hat“.

Ich lenke unser Gespräch auf profane Dinge wie Wasser und Magen-Darm. Er schüttelt den Kopf, alles kein Problem. Er halte sich in Nepal meist an das Dal Bhat, das traditionelle Reisgericht mit Currygemüse. Eine bessere Energiequelle gäbe es nicht und geschmacklich sei es immer lecker, „auch wenn ich es gern etwas schärfer hätte“. Aber er hätte auch schon fritiertes Gemüse bei einem Straßenhändler gekauft und gegessen. Und sonnengetrocknetes Ziegenfleisch. Geht alles. Wasser in Flaschen oder abgekocht mit Chlortabletten ist okay, „aber am liebsten ist mir Tee“. Das alles klingt vernünftig. Und an das Loch im Boden werden wir uns schon gewöhnen.

Kathmandu sei chaotisch, Motorradfahrer fahren durch die dichtesten Menschenmengen und „wer vor einem fahrenden Auto zurückschreckt, kommt nie über die Straße“. Tipps für die Stadt? „Bodnath, Pashupatinath, Bhaktapur, Swayambunath und natürlich muss man auch einen Tag oder Abend in Thamel verbringen“. Das entspricht ungefähr den Favoriten der Reiseführer, gut so.

Ich frage nach seinem Verein Menschen im Dialog e.V.. „Den habe ich gegründet, um interessierten Spendern und Unterstützern eine gemeinsame Basis zu geben und die Chance zu haben, Spendenbescheinigungen auszustellen. Um die 20 Mitglieder hat der Verein heute“. Er erwähnt sein Buch, das er im April 2018 veröffentlicht hat und gibt es mir im Büro zur Ansicht mit. Es ist voller toller Fotos und Geschichten, die er in Nepal zusammengetragen hat. „Jeder Autor aus Nepal wird im Herbst sein Exemplar bekommen“ und ob ich mir vorstellen könne, eine Laptoptasche samt Buch mit nach Nepal zu nehmen? „Dann spare ich mir den Trip nach Österreich, um den Laptop einem Freund dort mitzugeben“. Abholung wäre am Tag unserer Ankunft im Hotel. „Ich schicke Bhagwan“. Hat er das wirklich gesagt? Ich sage zu. „Könnte Klaus vielleicht auch…?“

Zum Schluss frage ich, ob es noch Dinge gäbe, die nicht zwangsläufig im Reiseführer stehen und bei denen man vielleicht noch etwas Gutes tun könnte. „Wenn ihr Pashminas für Eure Frauen mitbringen wollt, dann schaut nach women empowerment merchandise. Sie sind zwar etwas teurer, aber dafür unterstützt ihr die u.a. Ausbildung von Frauen“. „Und schaut nach Eurem Trek bei den „Seeing hands“ vorbei!“. Für ca. 25 Euro massieren schwerst sehbehinderte oder gar blinde, ausgebildete TherapeutInnen die Anstrengungen des Trekkings aus den Knochen. „Ziemlich schmerzhaft“, aber danach fühlst Du Dich wie neugeboren. Noch knapp drei Monate bis Abflug…

Nepal-Basistraining an der Grenze

… Oh ja, Grenzen: Zunächst die körperliche: Abfahrt am Sonntag (!), 24.6.2018, um 5.00 Uhr ab Steinheim. Dann die geografische: Ankunft und Wanderung im Grenzgebiet A/CH, ab Lünersee hinauf zur Schesaplana. Und am Ende die verstandesmäßige, die der inneren Stimme: Bei einer lebensgefährlichen Querung im Schneefeld auf 2.500m, respektive mit Rücksicht auf mitwandernde Kinder auf 2.700m war Schluss mit Schnuppern an der Höhenluft. Aber ich habe so viel mitgenommen:

  • Das Gefühl von Kratzbürstigkeit von Merino-T-Shirts weicht irgendwann dem Gefühl von körperlicher Ertüchtigung, bis hin zur Erschöpfung :-);
  • Merino-Boxershorts von Icebreaker in XL sind … für einen Mann meiner Statur … zu groß 🙂
  • Einmal Tragen von Merino-Wäsche … kein Problem und kein Waschbedarf …
  • Der einseitig gewebte Faserpelz von Helly Hansen aus der 80ern von Opa Dieter ist jetzt schon mein Lieblings-Kleidungsstück für die gesamte Nepal-Tour
  • Auch auf 2.700m kann ich meinen geliebten Mittagsschlaf machen … das (für mich völlig unbekannte) Schnarchen ist Beweis für den Erfolg
  • Berge sind meine Bestimmung, mögen sie in Österreich oder in Nepal stehen, ich verneige mich vor ihrer Größe, ihrer Schönheit und ihrer Ruhe
  • Ich hungere nach der nächsten Tour, bitte bitte, liebe Freunde, ob ihr Wied .. oder Gei… heißt, nehmt uns wieder mit!!

 

Ein besonderer Gruß aus Nepal

Den ersten Teil unserer Nepalreise verbringen wir in der Navodayaschule in Tarkarichowk, Chitwan. In unregelmäßigen Abständen haben wir schon heute Kontakt zu Bruder Michael Chirayath CST, dem Leiter der Schule. Meist geht es nur um einen kurzen Gruß oder die Beantwortung einer Frage, aber heute kam diese E-Mail, die ich in Teilen hier veröffentlichen möchte. Bruder Michael hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, diesen Blog online zu übersetzen und dann zu lesen. Hier ist seine Antwort, die uns bestätigt, dass die geplante Horizonterweiterung eben nicht nur im Himalaya stattfindet, sondern auch beim Besuch der Chepangschule. Ich freue mich gleichermaßen darauf.

Dear Michael,

Thank you very much for your quick reply and the link of Gaby & Klaus‘ (and of yours too?) blog. I opened the blog, and fortunately there was option to English translation. I went through it and it is truly interesting, and it manifests your mental preparations to visit Nepal. You have taken it seriously. This is great. (…)

One thing interesting I noticed in your blog. You wrote, „we are literally capable of thinking beyond the church tower.“ This is a great reflection of your mind’s exposure to truth and freedom. Truth cannot be restricted to the four walls of the church, and certainly we should be able to think „beyond the church tower“, to grasp the truth beyond. (John 4:21-23). I am sure, your exposure to another country and other religious practices (other than Christianity) will expose your mind to greater truth, and help you to see brighter horizons.
You also wrote, „I am fortunate to be one of the 10% of the world’s population that does not focus on life-sustaining but on the realisation of life“.  I am really excited to read it. Jesus said, „One thing is necessary; and Mary has chosen it“. I strongly feel that ‚one thing that is necessary‘ is the realisation of life, and I feel you have rightly grasped its importance. You are truly a philosopher. I understand that with this philosophical and reflective mind you will learn many new things from Nepal.
(…)

I am happy that you are prepared to stay in our guest rooms in the campus in spite of its inconveniences and discomforts. Thus we will have more time together. I am happy.

With every good wish,
Yours sincerely,
Michael

Materialtest – nur so

Kratzt das Merinoshirt und stört die Naht auf der Schulter? Neigen Merinosocken zur Blasenbildung? Was macht die polarisierende Sonnenbrille der Kategorie 3? Ersetzt der Hut das Eincremen und sieht er vielleicht noch gut aus? Und vor allem – in welchem Zustand sind die Merinosachen am Tag danach? Was sagen Augen und Nase? 

Im Hinblick auf diese Fragen suche ich uns eine kleine Tour im Allgäu aus. Hoch über‘m Großen Alpsee scheint zu passen. Gute 15 Kilometer, 400 Höhenmeter hoch und wieder runter, maximale Höhe 1.066m und das alles in gut fünf Stunden…ein leichter Einstieg in #MECS 2018.

Wir sind um 11.00h am Alpsee, der Planet strahlt bei 25 Grad. Das Merinoshirt meldet sofort mich den Tag über warm zu halten. Die 80% Merino an den Füßen sitzen wie eine zweite Haut. Der Hut zaubert der besten Ehefrau der Welt ein Lächeln auf die Lippen…und los.

Der 20-minütige Anstieg nach Zaumberg hat es in sich. Ein Vater meint, seine zwei Töchter an Seilen nach oben motivieren zu können, wir sehen ihn nicht wieder. Hinter Zaumberg verschwinden wir im Wald Richtung Siedelalpe, die wir nach einer guten Stunde erreichen. Dahinter das Gipfelkreuz vom Köpfle, die erste Rast und der erste schöne Blick auf den Alpsee, Immenstadt, den Grünten und auf ein paar Gipfel der Nagelfluhkette.

Zeit für die Brille. Ich ziehe sie über die normale Brille…wow! Statt eines hellen Himmels, erkenne ich Wolken, Farbe und Gleitschirmflieger. Sie stört nicht, ist leicht und im Wald nehme ich sie ab…perfekt. Sie hat ihren Platz im Himalayagepäck sicher.

Wir laufen eine Stunde bis zum Alpseeblick und genießen die Aussicht. Wir schenken uns die Thaler Höhe und freuen uns auf ein Radler in der Hohenschwandalpe, die prompt geschlossen hat. Also ohne Stärkung 400 Meter nach unten. Ohne Stärkung…und ohne Stöcke, weil die stehen im Windfang. Die Serpentinen nach Reutern nehmen kein Ende, die Füße qualmen, aber Merinowolle brennt nicht. Die Marienkapelle spendet kurzzeitig wohltuende Kühle und um 15.00h sind wir unten. Uff.

Die Trinkblase ist leergesaugt und der Wegweiser sagt 9 Kilometer bis Immenstadt, was gute fünf bis zum Auto bedeutet. Nach einer nicht enden wollender Stunde sind wir am Strandcafe und genießen das beste alkoholfreie Weizenradler…ever! Alles gut.

Am Tag danach dann die Überprüfung der eingesetzten Materialien. Die Wollsocken funktionieren prächtig und riechen nicht! Blasen? Fehlanzeige. Das Wanderhemd über dem Merinoshirt ist voller Schweißränder auf dem Rücken. Die Naht störte aber bei 3,5kg Rucksack nicht. Das Merinoshirt selber sieht aus wie neu. Ungläubig rieche ich daran…wenig bis nichts. Cool. Hat es gekratzt? Ich erinnere mich nicht. Und der Hut? Kein Sonnenbrand auf Ohren und Nacken…aber hübsch macht er nicht. 

Nepal-Basistraining Pfingsten

Stundenlanges Gehen über Stock und Stein will geübt sein, wer Nepal-Trekking, Jakobs- oder Franziskuswege bewältigen will. Dachten sich Gaby und Klaus, und dachten sich 3/4 der familieneigenen Kinder, denen mittels Verstärkerprogramm (Essen gehen bei der Hälfte, Eisbecher beim Ankommen) die Wahl in pädagogisch wünschenswerte Bahnen gelenkt wurde. Just wurde der Plan ausgeheckt, über Pfingsten die Brenz in zwei Tagen vom Ursprung in Königsbronn bis zur Donaumündung bei Lauingen entlang zu wandern.

52 km mit Kindern? Und überhaupt, einigermaßen untrainiert?

Nicht ohne innere Zufriedenheit und mit etwas Verwunderung und Erstaunen über die eigenen Körperkräfte können wir sagen: Es geht. Mit Kompromissen zwar, aber es geht. Die drei Kinder (zwischen 10 und 14)  sind tatsächlich am ersten Tag die 25 km von Königsbronn bis Giengen zu Fuß gelaufen, und am zweiten Tag die 27 km von Giengen bis Lauingen immerhin in Teilen mit dem Fahrrad.

Wir haben viel gelernt in diesen zwei Tagen:

  • Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, dann gibt der eigene Körper immer noch was her.
  • Wenn du glaubst, dass es immer und über alle Alterstufen der Kindheit so bleiben muss, dass Kinder nach einem Kilometer Bewegen der Füße in eine Richtung in lautes Wehklagen ausbrechen, dann wurden wir in den letzten zwei Tagen eines Besseren belehrt. Gut, die üblichen Querschläger, aber was soll’s … wir sind gemeinsam gestartet und gemeinsam und vollzählig angekommen …
  • Die Brenz ist in den letzten Jahren, insbesondere im zweiten Abschnitt ab Hermaringen, ein unglaublich schönes Naherholungsgebiet geworden, mit Renaturierungen des Flusslaufs, mit wunderbaren Spielplätzen, Erklärungstafeln, entlang alter Dörfer und Städte, und insbesondere auch im bayerischen Teil (von Bächingen bis Lauingen) mit einer Ferien-Freizeitqualität, die einen nur staunen lässt.
  • Ergo: Warum genau wollten wir an Pfingsten eigentlich in den Urlaub fahren? Der Urlaub ist vor unserer Haustür.
  • Erschöpft, aber immens zufrieden! So lautet das Fazit dieser zwei Tage.
  • Wir bedanken uns bei folgenden Ausstattern und Sponsoren: bei Opa Dieter für Klaus‘ Unterhose, Sport-Polo-Shirt, Rucksack, Soft-Shell-Jacke und Kawai-Regenkombi (der nicht gebraucht wurde) aus Opas Fundus. Der einseitig gewebte Faserfelz blieb aufgrund zu frühlingshafter Temperaturen im Schrank.

 

 

Das Mamertus-Experiment oder Liebe macht taub

Die Eisheiligen 2018 boten Gelegenheit, die langgehegte Idee der Schlafsacküberprüfung endlich umzusetzen. Mit 10 Grad war es tendenziell zu warm, aber die Zeit rennt und die Akklimatisation musste begonnen werden. Mit der gebotenen Flexibiltät wurde der Schlafplatz ausgewählt und mit ein paar Schaumstofflagen nepalesk-bodenständig hergerichtet. Ein schwäbischer Riesling sorgte für eine ausgelassene Stimmung trotz der aufkommenden Aufregung, die Nacht im Freien zu verbringen. Heute gilt es!

Gegen Mitternacht entscheide ich mich für T-Shirt und Boxer, während Klaus leichte Trainingsbekleidung wählt. Die Merinosachen bleiben im Schrank, schließlich nähern wir uns nicht der Frostgrenze. 

Die nachfolgende Chronologie soll die Nacherlebbarkeit dieser Nacht sicherstellen:

23:58 Uhr: Wir beziehen die Schlafsäcke. Klaus verplombt sich die Ohren und wünscht Gute Nacht.

00:00 Uhr: Die Kirchenglocken kündigen die Geisterstunde an. Laute Gegend.

00:03 Uhr: Ich überprüfe meine Situation, Temperatur und Körperfunktionen. Alles im grünen Bereich. Der Schlafplatz ist nicht das, was ein gewissenhafter Handwerker plan nennt, sondern leicht abschüssig. Das Drehen nach oben erfordert erhöhten Kraftaufwand, während ich beim Drehen nach unten Gefahr laufe, vom Schaumstoff zu rutschen. Ich bin vorsichtig optimistisch diese Tatsache ausbalancieren zu können. 

00:06 Uhr: Von links kommt ein Geräusch, welches man eigentlich mir nachsagt – Klaus schnarcht. Wie jetzt? Kein Zweifel, er nähert sich dem Knillwäldchen und sägt. Na prima.

00:23 Uhr: Ich entscheide mich, den Schlafsack zu verlassen, um meine Ohropax aus dem Wohnzimmer zu holen. Der kurze Kälteschock ist erfrischend. Gaby ist noch halbwach und blickt vom Sofa kurz auf. Ich murmle etwas von Ohrstöpsel, was sie zu einem „Ah, der Schatzi schnarcht doch net!“ veranlasst. Der Schatzi vielleicht nicht, aber der Kerl im Schlafsack über mir ganz sicher. Liebe macht taub.

00:30 Uhr: Der Schlafsack hält die Wärme, cool. Die 700-er Daune macht ihren Job. Die äußeren Extremitäten fühlen sich durchblutet an. Die Ohropax sitzen fest…es ist still. 

00:48 Uhr: Ist was mit Klaus? Soll ich mich mal umdrehen? 

00:49 Uhr: Klaus lebt…und wie! Mit schwerem Gerät nimmt er sich den Wäldern des Wentals an. 

01:15 Uhr: Schlagen die Kirchenglocken auch nachts? Laute Gegend.

01:16 Uhr: Ein kurzer Check von Temperatur und Beweglichkeit, alles gut.

01:17 Uhr: Der Kopf liegt zu tief, so wird das nichts. Ich könnte ein Kissen holen…oder die Crocs unter den Schaumstoff klemmen. Ja, das sollte gehen. Aber jetzt…

02:00 Uhr: Die beiden christlichen Kirchen liefern sich einen Wettstreit, wer lauter die volle Stunde ankündigt. Welcher Kirchengemeinderat hat beim Antrag, den Glockenmotor zu erneuern mit Ja gestimmt? Wie blöd kann man sein? Sehr laute Gegend.

04:15 Uhr: Der Schwarzwald bietet Klaus alle Möglichkeiten. Ich stelle mir die Frage, ob der Boden den Schall zwischen den zwei Schlafsäcken verstärkt. Hat sich nicht Beethoven einen Holzstab zwischen die Zähne geklemmt und diesen dann auf das Klavier gelegt, um über die Schwingungen seine Kompositionen zu „hören“? 

04:43 Uhr: Es dämmert. Ich mache ein Bild, wie langsam der Tag beginnt. Zählt ein Tag als neu, auch wenn man keine Nacht hatte? Ich informiere die Welt über threema, dass es langsam hell wird…und Tina antwortet. Wir verabreden uns für 05.30 Uhr beim Bäcker. Der Gefahr, dass Klaus noch den Amazonas erreicht, setze ich mich nicht aus. Tut mir leid, mein Freund.

05:07 Uhr: Abbruch des Experiments. Ich schlüpfe aus dem Schlafsack und ziehe mich an. Beim Verlassen des Hauses kommt Klaus aus dem Pavillon, er hätte meinen Reißverschluss gehört!? Fast dankbar verzieht er sich nach oben zu Gaby ins Bett…

Das war sie also, die Nacht im Schlafsack. Mit zwei Hoffnungen fahre ich nach Nepal. Ich wünsche mir in den Lodges Temperaturen zwischen 0 und 5 Grad, sonst wird aus dem Schlafsack eine Sauna. Und ich hoffe, dass die Anstrengungen und der fehlende Alkohol uns beide gleichzeitg in den wohlverdienten Schlaf schicken. Noch fünf Monate…